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Eva Lichtenberger

Netzfreiheit, Produktfälschung und Nerds

ACTA-VERTRAG
20.12.2008|06:00

Am Donnerstag hat das EU-Parlament eine Resolution zur Bekämpfung von "Produktpiraterie" verabschiedet, die Überwachungspflichten für Internet-Provider und willkürliche Durchsuchungen von Laptops am Zoll ausschließt. Die grüne Abgeordnete und Mitautorin der Resolution, Eva Lichtenberger, sprach mit ORF.at über den ACTA-Vertrag und warum "die Frage der Freiheit im Internet nicht nur ein paar Nerds betrifft".

"Diese Debatte war total wichtig. Denn insgesamt hat man im Parlament oft noch viel zu wenig Ahnung, wie die Freiheit gefährdet werden kann, während man eigentlich nur guten Willens versucht, zum Beispiel Urheberrechte zu schützen", sagte die Abgeordnete am Freitag zu ORF.at.

"Wichtig war auch, dass damit die völlige Intransparenz attackiert wird", die das ACTA-Abkommen umgebe, so Lichtenberger, Berichterstatterin des parlamentarischen Rechtsausschusses zum Thema "Produktpiraterie".

Die Geheimnisse von ACTA

Das geplante ACTA-Abkommen ist ebenso umstritten, wie es geheim gehalten wird. Außer einem äußerst vage formulierten Erstentwurf - einem "Non-Paper", das aus dem Herbst 2007 datiert und auf Umwegen an die Öffentlichkeit kam - wurde nach mehr als einem Jahr Verhandlungen noch immer keine Zeile des Vertragsentwurfs publiziert.

In Stellungnahmen der EU-Ratspräsidentschaft, aber auch der US-Verhandlungsdelegation wurde hingegen stets versichert, dass man das Abkommen noch vor dem Jahreswechsel unter Dach und Fach bringen wolle. Das geht sich mit Sicherheit nicht aus - schon gar nicht, wenn man die neueste Resolution des EU-Parlaments betrachtet.

309 gegen 232 Stimmen

Am Donnerstag stimmte das Plenum nämlich mit einer deutlichen Mehrheit für eine Resolution, die von Lichtenberger für die Fraktion der Grünen eingebracht worden war.

Mit 309 gegen 232 Stimmen stimmten vornehmlich Sozialdemokraten, Liberale, Grüne und Linke, aber auch etliche Konservative für den Resolutionsentwurf, der ziemlich klar zeigt, was die Parlamentarier mehrheitlich und definitiv nicht in diesem Vertragswerk stehen haben wollen.

Das Telekompaket

EU-Kommission und Europaparlament hatten sich darauf geeinigt, sämtliche von den Lobbys der Unterhaltungsindustrie in das Telekom-Richtlinienpaket reklamierten Verantwortlichkeiten und damit Überwachungspflichten für Provider ersatzlos zu streichen.

Nun ist das gesetzgeberische Großvorhaben - es werden damit drei bestehende Richtlinien modernisiert und den neuen technischen Entwicklungen angepasst - im EU-Ministerrat. Und dort wurde noch unter der französischen Ratspräsidentschaft versucht, einige der wichtigsten Passagen rückgängig zu machen.

- Netzsperren: Österreich bietet Sarkozy die Stirn

Was ACTA nicht enthalten soll

Die europäischen Verhandler (i. e. die EU-Kommission) werden aufgefordert, die Internet-Provider aus der geplanten Haftung für transportierte Inhalte nehmen, wie das Internet überhaupt nichts in diesem Vertrag über "Produktpiraterie" zu suchen habe.

Dadurch habe man verhindert, dass bestehende Parlamentsbeschlüsse zum Beispiel im eben verabschiedeten Telekompaket quasi durch die Hintertür eines internationalen Abkommens wie ACTA aufgehoben würden, sagte Lichtenberger.

Against the Odds

Ursprünglich waren es zwei "Berichte" (i. e. Resolutionsentwürfe), parallel zu jenem Lichtenbergers erstellte auch der Abgeordnete Gianluca Susta (Liberale) einen Entwurf für den Binnenmarktausschuss. Die konservative Fraktion hatte zudem angekündigt, den Bericht der Grünen erst gar nicht zuzulassen.

Die Sozialdemokraten hatten für ihr Ja nämlich kurz vor der Abstimmung verlangt, dass eine - für die Mitautorin Lichtenberger eher unerhebliche - Passage aus dem Entschluss gestrichen wird.

Der angekündigte Geschäftsordnungstrick blieb jedoch aus, statt einer Mindestzahl von 40 erhob nur eine Handvoll konservativer Abgeordneter Einspruch gegen diese mündliche Abänderung.

Damit war die Bahn überraschend frei für den Lichtenberger-Bericht, der als Parlamentsresolution für die bei ACTA verhandlungsführende EU-Kommission eine Vorgabe darstellt.

Vom 15. bis zum 17. Dezember haben sich die ACTA-Unterhändler in Paris getroffen, wobei allerdings nur "Textvorschläge" diskutiert worden seien, wie eine Mitteilung auf der Website des kanadischen Handelsministeriums lautet.

Wie der oberste Datenschützer der Union, Peter Hustinx, in einem Schreiben an ORF.at erklärte, bereite er eine Stellungnahme zu ACTA für das erste Quartal 2009 vor.

Hustinx schreibt, dass ACTA auch Vorschläge zum internationalen Austausch von Fahndungsdaten zwischen der EU und anderen Staaten enthält. Bürgerrechtsorganisationen wie die Electronic Frontier Foundation befürchten, dass ACTA zu mehr Überwachungsmaßnahmen im Internet und an Grenzkontrollpunkten führen wird.

Keine Laptop-Durchsuchungen

Neben dem Aus-der-Pflicht-Nehmen von Internet-Providern enthält der "Alternativentwurf für einen Parlamentsbeschluss zu den Auswirkungen von Produktfälschungen auf den internationalen Handel" nämlich noch mindestens zwei weitere sehr interessante Passagen.

Darin werden "Criminal Measures" bei der Grenzkontrolle ausgeschlossen, etwa Kontrollen von Datenträgern aller Art wie Laptops und iPods von Reisenden.

Wie es weitergeht

Dass dieses klare Parlamentsvotum von Kommission und Ministerrat so einfach übergangen werde, glaubt Lichtenberger nicht. "Wir können zwar weder Rat und Kommission zwingen", aber die Erkenntnis, "dass die Frage der Freiheit im Internet nicht nur ein paar Nerds betrifft", sei dabei, sich auch im EU-Ministerrat allmählich durchzusetzen.

In Sachen ACTA kündigte Lichtenberger eine ganze Reihe von Anfragen an. Es sei längst überfällig, dass der genaue Text des Abkommens bekanntgegeben werde.

(futurezone/Erich Moechel)

Mehr dazu

- 30.9.2008 ACTA: EU-Kommission beschwichtigt

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Forum

 
  • freedom for information act

    intelkiller, vor 454 Tagen, 8 Stunden, 22 Minuten

    sowas wie die amis sollte sich die eu schön langsam auch zulegen ... auch wenn die umsetzung bei denen manchmal hapert.
    aber zu versuchen, solche polizeistaatmethoden über die hintertür erinzudrücken, ist schon äusserst bedenklich.
    da merkt man wieder mal, wie wenig die eu mit einer demokratisch legitimierten organisation zu tun hat.

  • Das geplante ACTA-Abkommen ist ebenso umstritten, wie es geheim gehalten wird.

    mindmachine, vor 455 Tagen, 4 Stunden, 36 Minuten

    Fuck EU! Fuck them all! Alle Macht dem Volk!

    • Nur die EU ermöglicht es solche Sinnlosigkeiten einzuführen

      mindmachine, vor 455 Tagen, 4 Stunden, 33 Minuten

      Ansonsten wäre es schwer solche Dinge durch zu bringen, da mit jedem Staat extra verhandelt werden müsste. Jetzt wird eben auf EU-Ebene verhandelt über den Kopf aller hinweg. Vertreter die von Vertretern gewählt werden die wieder von Vertretern gewählt werden... und alle samt korrupt bis auf möglicherweise einige wenige Ausnahmen. Wer etwas anderes glaubt lebt fern ab der Realität.

    • EU Gemeinschaft ja

      mindmachine, vor 455 Tagen, 4 Stunden, 32 Minuten

      EU-Macht-Moloch nein

  • Den Zöllnern am Flughafen interessierte noch nie

    hosenbeisser, vor 455 Tagen, 10 Stunden, 38 Minuten

    *was* auf dem Laptop drauf ist. Selbst in den Schurkenstaaten wie den USA. Die wollten immer nur schauen, ob das Gerät hochfährt und eben ein Laptop ist und nicht eine Bombe in Laptop-Gehäuse. Zumindest die Zöllner in JFK und am LAX.

    Dumm ist es dort, wenn der Laptop wegen leerer/defekter Akku oder sowas dann nicht startet. Da werdens dann gleich grantig und man wird in ein Hinterzimmer mitgenommen.

    Am VIE interessieren Laptops sowieso niemanden. Dort muss man nix einschalten. Geschweige denn was auf der Festplatte ist herzeigen. Ist völlig wurscht.

    Zumindest meine Erfahrungen.

    • "Was auf der Festplatte ist"

      blackice2001, vor 455 Tagen, 8 Stunden, 52 Minuten

      geht niemanden was an! Das ist meine Privatsphäre oder eben Firmengeheimnis und ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl wird niemand bei mir reinschauen.

      Nur in den USA dürfen die Zöllner reinschauen. Das ist auch ein Grund, wieso ich sicherlich nie in diesen Überwachungsstaat reisen werde.

    • @blackice2001

      hosenbeisser, vor 455 Tagen, 8 Stunden, 30 Minuten

      Also, ich hab am Laptop dieses TrueCrypt laufen. Das funkt eh super und kann auch Boot/Systempartitionen: www.truecrypt.org

      Aber mehr als den Login-Bildschirm war auch in den Schurkenstaaten nie notwendig herzuzeigen. Die wollen nur schauen ob das Gerät läuft, Inhalt ist denen offensichtlich wurscht oder zuviel Arbeit.

    • hast eben glück gehabt

      qball, vor 454 Tagen, 14 Stunden, 46 Minuten

      es liegt eben im ermessen des zoll beamten wie weit seine neugier gehen darf.

      soweit ich weiss wurde in US and A von höchster stelle bestätigt, dass es sich bei notebooks, etc. um datencontainer handelt und der zöllner sehr wohl einsicht auf die daten hat.

      nur weil es dir noch nicht passiert ist, heißt das nicht dass es nicht vorkommt.

    • US-Zoll interessiert sich durchaus für HD content

      slimjim, vor 454 Tagen, 13 Stunden, 14 Minuten

      Bei der letzten Apple Developers Conference hat man mein MacBook Pro am San Francisco Int'l durchaus auf Inhalte durchsucht.
      Sogar den developer seed einer preview, der als verschlüsseltes 8GB DMG auf der Platte war, musste ich wegen der Größe öffnen.
      Wahrscheinlich hatten sie Angst, dass ich Viren importiere ..
      ;-)

  • Eigentlich gehört die EU überwacht

    winnipc, vor 456 Tagen, 3 Stunden, 38 Minuten

    bei soooo viel Transparenz. Die sind genau so Volksfeindlich wie unsere Politik. Vertreten nur die Interessen ein paar weniger.

    Korruption wie in Afrika nur mehr verdeckt.

    • Rechtschreibung lernen...

      tom1305, vor 456 Tagen, 1 Stunde, 40 Minuten

      ...und dann kritisieren. Adjektive werden immer noch klein geschrieben.

    • @winnie

      tantejutta, vor 456 Tagen, 46 Minuten

      Wen meinen Dero denn mit die "EU"? Das Parlament mit seinen eingeschränkten Rechten? Den Ministerrat, der überhaupt keine gewählte europäische Legitimation hat, sondern nur die Position der jeweiligen (nationalen) Ratspräsidentschaft vertritt?
      Oder die Kommission, die das alles irgendwie unter einen Hut bringen muss?

    • Stichwort:

      wrongplayer, vor 456 Tagen, 19 Minuten

      Lobby-Interventionen in der EU-Gesetzgebung.

    • schon längst bestimmen die USA was die EU

      cariblu, vor 455 Tagen, 22 Stunden, 48 Minuten

      darf, mag im Einzelfall etwas überspitzt sein, aber solange das Vereinigte Königreich, Tschechei, Polen und noch ein paar deren Wasserträger in der EU sind wirds nur schlimmer.

  • wie sollte die "Durchsuchung" denn eigentlich ablaufen?

    evro, vor 456 Tagen, 4 Stunden, 8 Minuten

    sollte da ein zollbeamter sitzen und die einzelnen files durchsuchen?
    :-)

    • @evro

      corampublico, vor 455 Tagen, 17 Stunden, 28 Minuten

      Selbstverständlich werden nicht alle Dateien durchsucht! Das wäre zu zeitraubend!

      Die Beamten suchen gezielt nach Dateien mit den Namen "Terrorplanung", "Bombenbau", "Anschlagorte", "Schwarzgeld", "Kinderpornos" und dergleichen.

      Selbstverständlich sind Terroristen und andere Verbrecher gesetzlich verpflichtet, ausschließlich Klarnamen für ihre Dateien zu verwenden, um die Arbeit der Beamten nicht unnötig zu erschweren. ;-)

      Um der Wirtschaft noch gleich einen Gefallen zu tun, wird natürlich auch auf Dateinamen wie "Geheime Produktionsabläufe", "Erfindungen", "Innovationen" und dgl. geachtet.

    • blackice2001, vor 455 Tagen, 8 Stunden, 50 Minuten

      Wenn die das so machen, wie in den USA, so wird dann der Festplatteninhalt einfach gespiegelt und eventuelle später analysiert oder so.

      Da bin ich aber gespannt, wenn einer mit einer 500GB Festplatte daherkommt, die bis oben voll ist, und dann auch noch in 10 Minuten den Anschlußflug erreichen muß.

    • Interessant wird's,

      c1x111, vor 455 Tagen, 6 Stunden, 14 Minuten

      ob sie die Platte überhaupt spiegeln können, wenn sie low-level-verschlüsselt ist und womöglich noch ein zusätzliches, verteiltes, verschlüsseltes Filesystem enthält, wie z.B. das neue Sun ZFS. Naja, vielleicht können sie's spiegeln, zum Entschlüsseln werden sie aber 10 Jahre brauchen...

  • 309 gegen 232 Stimmen

    ldir, vor 456 Tagen, 4 Stunden, 19 Minuten

    Und die 232 sind wohl von Lobbyisten "überredet" worden sich falsch zu entscheiden.

    • Gibt's ja genug davon,

      wrongplayer, vor 456 Tagen, 8 Minuten

      die in Brüssel / Straßburg (/Luxemburg) intervenieren.

  • Erstens und Zweitens

    slimjim, vor 456 Tagen, 4 Stunden, 33 Minuten

    (1) Kann man nur hoffen, dass die Bürokraten diese Abstimmung auch zur Kenntnis nehmen.

    (2) Die "Piraten" sitzen in den Softwarekonzernen. Wie sonst ist es denkbar, dass z.B. die Keygens für Adobe CS4 Master Edition schon Wochen vor der Software im Web kursierten. Man prügelt halt lieber die Junkies als die Pusher. Wobei einem angesichts mancher Phantasiepreise eher Robin Hood als Trafficer in den Sinn kommt.

  • die wollen euch nicht durchsuchen

    jemniak, vor 456 Tagen, 7 Stunden, 9 Minuten

    die wollen nur die möglichkeit haben euch files unterzuschieben

    • Naja...

      ljack, vor 456 Tagen, 5 Stunden, 17 Minuten

      ...so ein paar vertrauliche Firmendaten sind aber nicht zu verachten.

  • donisl, vor 456 Tagen, 8 Stunden, 6 Minuten

    ich habe frau lichtenberger mal auf einem panel in berlin gesehen und muss sagen, dass ich sehr froh darüber bin, dass mit ihr eine frau im eu-parlament sitzt, die auf der einen seite die nähe zum aktuellen diskurs nie verloren hat, um ihre rolle in der netzkultur weiß und diese ernst- und wahrnimmt. und die andererseits weiß, wie sie die wirklich wichtigen und essentiellen anliegen dieser "szene" zum thema datenschutz und offene netzwerke im parlament vertritt und hoffentlich weiteren fortschritten zuführt. auch wenn man ihre tätigkeit keinesfalls kritiklos betrachten sollte, für mich ist sie ein kleiner lichtblick im sonst recht düsteren wald europaweiter bürokratie.

    • full ack

      iniquity, vor 456 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten

  • Gehirndurchsuchung

    founder, vor 456 Tagen, 8 Stunden, 51 Minuten

    Ich habe eine Datenbank die ich als "Mind2" bezeichne. Eine Notebookdurchsuchung kommt daher einer Gerhinrdurchsuchung gleich.

    • so muss man am flughafen,

      wizardd, vor 456 Tagen, 6 Stunden, 52 Minuten

      wenn man hinter dir ansteht, wenigstens nicht allzulang warten! *SCNR* :D

    • Founder, ...

      walkofframe, vor 456 Tagen, 5 Stunden, 18 Minuten

      ... Du wirst doch nich plötzlich ein Datenschutzhysteriker sein?