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Screenshot Schriftzug: "Österreichischer Internetrat"

Internetrat für Online-Ethik gegründet

MEDIENKOMPETENZ
07.06.2009|06:00

Seit dieser Woche hat Österreich einen Internetrat. Dieser wurde von fünf aktiven Social-Media-Experten, Medienforschern und Bloggern in Eigeninitiative ins Leben gerufen und möchte bei den Internet-Nutzern ein Bewusstsein für ethisches Verhalten im Netz schaffen. Erste Empfehlungen wurden bereits ausgesprochen.

Eigentlich wollte der Österreichische Internetrat (ÖIR) still und heimlich seine Arbeit aufnehmen, doch lange blieb er nicht unentdeckt. Kein Wunder, sind doch alle fünf Gründungsmitglieder aktive Internet-Nutzer, die sich selbst als "bekannte Proponenten der österreichischen Netzszene" bezeichnen. Die Social-Media-Expertin Judith Denkmayr und Medienforscher Peter Steinberger sind gemeinsam das vorsitzende Vorstandsduo, die Medienforscherin Jana Herwig und Michael Kamleitner Gremiumsmitglieder, und Blogger Richard Pettauer fungiert als Generalsekretär.

Zusammen wollen sie als Österreichischer Internetrat ab sofort die Internet-Nutzer zur freiwilligen Selbstkontrolle aufrufen und Online-Ethikempfehlungen aussprechen - allerdings nur nach einer entsprechenden Aufforderung über ein Eingabeformular. Ein erster Verstoß wurde vom ÖIR bereits bearbeitet. Er betraf ein österreichisches Medienunternehmen.

ORF.at hat mit den ÖIR-Gründungsmitgliedern über ihre Pläne und Zielsetzungen gesprochen. Sie haben gemeinsam auf die Fragen geantwortet.

ORF.at: Was genau ist das Ziel des Österreichischen Internetrats, was wollen Sie erreichen?

Internetrat: Wir wollen Internet-Surfer dazu bringen, sich näher und enger mit dem Konzept der freiwilligen Selbstkontrolle auseinanderzusetzen, und einen Dialog starten, der ansonsten möglicherweise schlimmere Maßnahmen verhindert. Österreich hat mit Frau (Maria) Fekter eine sehr strenge Innenministerin, für deren Tätigkeit Teile der Grünen im Rahmen einer Kampagne den Begriff "fektern" erfanden.

Pointiert ausgedrückt möchten wir erreichen, dass durch vorauseilende freiwillige Selbstkontrolle die von manchen Gruppen befürchtete "Totalfekterung" des österreichischen Internets erforderlich wird.

ORF.at: Was bedeutet für den ÖIR "ethisch bedenklich"? Zählen etwa rechtsextreme Inhalte auf Websites dazu, oder auch Websites, die Magersucht und Bulimie unterstützen? Oder geht es um Minderheiten, Sexismus und Rassismus?

Internetrat: Alle diesen Themen können, müssen aber nicht relevant für uns sein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir sehen uns keinesfalls als Gremium, das eine Art normative Ethik oder Gesetze für das Internet erarbeitet. Unsere Tätigkeit beruht auf ehrenamtlichem Einsatz, wir nutzen die selbstregulative Kraft, stellen Tools für Crowdsourcing-Projekte bereit und möchten generell Interesse am Thema Selbstkontrolle und Online-Ethik wecken.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass in Österreich, genauso wie in fast allen europäischen Ländern, ein duales System zur Beschränkung des Internets existiert, das sich einerseits aus gesetzlichen Regelungen und andererseits aus Selbstbeschränkungsrichtlinien zusammensetzt. Zur Überwachung und Reflexion dieser Selbstbeschränkungsrichtlinien gibt es jetzt den ÖIR.

ORF.at: Es gibt derzeit also keine thematischen Einschränkungen?

Internetrat: Wir möchten uns zu diesem frühen Zeitpunkt nicht auf bestimmte Themenfelder festlegen, weil wir damit derzeit noch unvorhersehbare Ethikverstöße ausschließen würden. Wir sehen unser Tätigkeitsfeld noch in hohem Maß als "Work in Progress".

ORF.at: Ist für die Zukunft eine Ethikrichtlinie geplant oder wird es so etwas beim ÖIR nie geben?

Internetrat: Doch. Diese Antwort mag Sie jetzt vielleicht überraschen und ein wenig im Gegensatz zum bisher Gesagten stehen. Eine unserer Arbeitsgruppen erstellt derzeit eine erste Betaversion eines generischen Leitfadens für Möglichkeiten eines ethischen Online-Verhaltens. Wir wollen dieses Dokument aber keinesfalls als fertiges Werk präsentieren, sondern sehen darin eine Diskussionsgrundlage für den Dialog mit der betroffenen Community.

ORF.at: Wie wird entschieden, was ethisch bedenklich ist und was nicht?

Internetrat: Der ÖIR wird, wie viele österreichische Kontrollgremien wie etwa der Werberat, Medienrat oder die FMA, niemals initiativ, sondern ausschließlich als Reaktion auf Eingaben durch Mitglieder oder Nichtmitglieder tätig. Ob ein Begutachtungsverfahren eingeleitet werden kann, hängt dabei sowohl von formalen Kriterien als auch, in einem zweiten Schritt, von der konkreten inhaltlichen Situation ab.

ORF.at: Wollen Sie sich nur mit Websites befassen oder auch Leute in Sozialen Netzwerken und Microblogs abmahnen?

Internetrat: Für uns zählen durchaus auch Social Networks und Microblogs zur Kategorie Websites. Wenn man so will, stellt ja jedes Tweet eine Webseite für sich dar, die auch einzeln von Google indiziert wird. Ähnliches kann man über Social-Network-Profile sagen. Grundsätzlich befassen wir uns mit sämtlichen Spielarten von Information, die online publiziert werden. Es sind auch zukünftige Verweisverfahren aufgrund von Ethikverstößen in virtuellen Welten wie "Second Life" für uns durchwegs denkbar.

ORF.at: Wie steht der ÖIR zu Netzsperren?

Internetrat: Der ÖIR spricht sich aufs Schärfste gegen Netzsperren aus. Mit unserer vorauseilenden Selbstkontrolle und Selbstethik möchten wir ja gerade Netzsperren überflüssig machen, in diesem Sinne könnte man uns also durchaus als Idealisten bezeichnen.

ORF.at: Auf Ihrer Website kann man Ethikverstöße melden. Was machen Sie mit den erfolgten Eingaben, die bei Ihnen eintreffen? Werden diese im Falle eines Gesetzesverstoßes auch an die Behörden weitergeleitet, oder schreiben Sie die betreffenden Website-Betreiber selbst an?

Internetrat: Nach einer formalen Prüfung beginnt ein Begutachtungsverfahren, welches im Extremfall bis zu einem scharfen Verweis führen kann. Die betreffenden Webmaster und allenfalls involvierte Dritte schreiben wir an, wenn zur Klärung einer Eingabe weitere Informationen erforderlich sind.

Was die Zusammenarbeit mit den Behörden betrifft, dürfen keinerlei Missverständnisse aufkommen: Wir sind keine Internet-Polizei und auch kein erweiterter Arm der Staatsanwaltschaft. In der Tat befassen wir uns genau mit jenen ethischen Verstößen, die aufgrund der herrschenden Gesetzeslage eben nicht sanktioniert werden.

Für den Umgang mit pornografischen und ähnlichen Seiten existieren ausreichende gesetzliche Regelungen, aber wer fühlt sich für Beleidigungen auf Twitter zuständig? Aus diesem Grund leiten wir auch keinerlei Informationen an die Behörden weiter.

ORF.at: Was sind die nächsten Schritte des ÖIR?

Internetrat: Wir werden eine Pressekonferenz einberufen, in der wir den ÖIR offiziell präsentieren. Parallel dazu beginnt ab sofort die Bearbeitung und Begutachtung von Eingaben. Die ersten Verstöße sind bereits gemeldet worden.

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(futurezone/Barbara Wimmer)

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Forum

 
  • Der Oesterreichische Internetrat als Precrime?

    markus1105, vor 245 Tagen, 21 Stunden, 13 Minuten

    Habe heute einen kurzen Blog Post mit einer, wie ich glaube, ziemlich schlüssigen These zum Internetrat veröffentlicht: http://bit.ly/116DEL

    • Empfehlung zur Beschäftigung

      mfbs, vor 245 Tagen, 10 Stunden, 36 Minuten

      Meine Empfehlung zur Beschäftigung mit dem Thema könnte ein Hinweis sein, Mechanismen welcher Art auch immer zu durchschauen...

    • muriem, vor 245 Tagen, 8 Stunden, 59 Minuten

      Ich noch immer gespaltener Meinung über den IR.

      Ich finde manche der Analogien die du bringst aber etwas flach und an den Haaren herbeigezogen. Schließlich wird im Gegensatz zum Minority Report ja keiner verhaftet. Im Gegensatz zur Wave soll ja keiner ausgeschlossen werden, noch werden andere typsche NS-Riten durchgeführt wie starker Gebrauch von Symbolik und die Erhebung der Gemeinschaft über das Inidividuum. Nach geht es um Gewalt wie im Prisonexperiment.

      Jedoch fand ich die Reaktion des Internetrats auch nicht sehr tiefgreifend, außer der allgemein flachen Ausssage, dass sie sich davon distanzieren ist da kein Reflexionsniveau oder Reaktionniveau gekommen, die z.B. auf obiger Punkte eingehen würde. Generell würde ich mir zur jeder Aussedung, die der IR-Rat bisher getätigt hat mehr Begründung und Reflexion über die Entscheidung wünschen, warum der fall jetzt ethisch und nicht ethisch ist. Bei den meisten Sachen hab ich das Gefühl es waren im Großteil eher Aus-dem-Bauch-Entschiedungen, bzw. wenn ein tiefer Hintergrund vorhanden nicht von außen ersichtlich. Ich denke daran sollte der IR noch arbeiten.

    • @muriem

      markus1105, vor 244 Tagen, 21 Stunden, 51 Minuten

      @muriem Danke fuer deine ausfuehrliche Reaktion. Du hast natuerlich recht, dass sich Third Wave, Stanford Prison und Milgram sowohl voneinander als auch vom Internetrat sehr unterscheiden. Es gibt aber eben ein paar Punkte, von denen ich glaube, dass sie allen vieren gemeinsam sind:
      1) In allen vier Experimenten wird die prinzipielle Bereitwilligkeit der Testpersonen zu Mitlauefertum und Obrigkeitshoerigkeit getestet.
      2) Die Testpersonen werden im Vorhinein entweder ueber den Zweck des Tests bewusst in die Irre gefuehrt oder einer Situation ausgesetzt, die gar nicht als Experiment deklariert ist, sondern vorgaukelt, Wirklichkeit zu sein.
      3) Zumindest in der Third Wave und im Internetrat geht es um Ideologieverherrlichung, d.h. es gibt eine als genuin "gut" empfundene "Sache" (im Internetrat: "ethisch"), der man bedingungslos folgt, weil man sich sonst als ausserhalb der Gruppe stehend und als "schlecht" empfinden wuerde.
      4) Und in allen 4 Experimenten geht es m.E. letztlich darum auszuzeigen, dass die meisten Menschen jene Mechanismen in sich tragen, die zum "Erfolg" des Nationalsozialismus beigetragen haben.
      Was ich am Internetrat besonders genial finde ist, dass es den Proponenten hier gelungen ist aufzuzeigen, dass diese Mechanismen auch in einer linksliberalen Klientel vorhanden sind.

      Betreffent Minority Report und "verhaften": Natuerlich kann...

    • @muriem (Fortsetzung)

      markus1105, vor 244 Tagen, 21 Stunden, 50 Minuten

      Betreffend Minority Report und "verhaften": Natuerlich kann der IR niemanden verhaften, das sind ja nur ein paar Blogger! Dort gibt es statt der Verhaftung halt die "Empfehlung". Aber ideologisch im Kontext des Experiments gesehen entspricht das dem Einschreiten einer Exekutive, legitimiert durch die Autoritaet des Internetrats.
      Dein zweiter Absatz mit der Empfehlung, dass der Internetrat seine Entscheidungen besser begruenden sollte, geht implizit wieder davon aus, dass der Internetrat NICHT ein solches Experiment ist, sondern ernst gemeint, was meiner These diametral entgegengesetzt ist, d.h., dazu kann ich auch nichts sagen.

  • Mündige Münder

    mfbs, vor 246 Tagen, 7 Stunden, 43 Minuten

    In aller Munde zu sein macht mündig. Daher möchte ich meine Empfehlung an Österreich abgeben, sich mit dem Internetrat für Online-Ethik zu beschäftigen. Nachhaltig. Ausführlich. mfb@marions,at www.marions.at

  • alphawelle, vor 247 Tagen, 24 Minuten

    Virtuelle Selbstbefriedigung.
    Hirnwixen für das Ego.
    (Gummi nicht vergessen :-)

  • und worin besteht der Unterschied zur jetzigen Situation???

    isehklar, vor 247 Tagen, 47 Minuten

    Es gibt den/die Zensor/In, die Beiträge löscht, wenn sie nicht ins politische Weltbild dieser Person- oder des ORF passen, es gibt die Möglichkeit User zu melden, es werden gewisse Artikel nachverfolgt..........
    Und was ist nun neu????
    Österreich ist ein demokratisches Land. Ich denke schon, dass jeder mündige Bürger das Recht dazu hat, seine Meinung frei zu äußern, ohne dass sie gelöscht wird, vor allem, wenn sie sachlich begründet und belegbar ist.

    • Der ORF

      c1x111, vor 246 Tagen, 14 Stunden, 38 Minuten

      kann mit "seiner" Webseite machen, was er will! Es steht dir frei, eine eigene zu erstellen, wo du Administrator bist, aber auch haftbar.

      Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Wer hier etwas von sich gibt, das gegen Gesetze verstößt oder andere Menschen diskreditiert, muss auch mit den Folgen rechnen.

  • selbsternannte internetpolizei?

    mizanthrop, vor 247 Tagen, 1 Stunde, 31 Minuten

    dass ich nicht lache.... ich kann mich noch gut an ritchie p. erinnern. der war schon während des studiums echt immer unglaublich nervig - bei relativ wenig intelligentem output. vielleicht hat er sich ja geändert. ich habe ihn jedenfalls als wichtigtuer in erinnerung. auf diesen internetrat kann ich verzichten.

  • überdenkerin, vor 247 Tagen, 3 Stunden, 55 Minuten

    Folgende Schritte bei Entwirrung der schwammigen Informationen, die aus diesem Artikel hervorgehen, habe ich durchlaufen (Nichtjuristin, einfache Userin):
    W a s ist ein XY-Rat? In der online-Enzyklopädie Wikipedia wird etwa der Rat der Europäischen Union als "Teil der Legislative" bezeichnet, die Versammlung der Bundesregierung wird in Österreich als Ministerrat bezeichnet und erledigt Regierungsgeschäfte, allgemein bekannt sind auch Stadtrat, Gemeinderat et.c. - ebenfalls politische Einrichtungen. Jetzt gibt's plötzlich einen Internetrat... Es wäre interessant, einen Artikel dazu zu lesen, der den Begriff "Rat" in der Welt der außervirtuellen Gesetze ebenso abklärt wie für die Welt des Internetrechts. Im Internetrat für Onlineethik gibt einen Vorstand, ein Gremium, einen Generalsekretär... also ein Verein, keine politische Einrichtung...oder doch?
    Wichtig wäre auch für die Aufklärung der Leserin/des Lesers eine Erörterung der "Totalfekterung" zu liefern - was genau passiert da im in Österreich abgerufenen Internet und was genau will der Verein verhindern/fördern und zwar mit Beispielen dessen was passiert und dessen, was verhindert/gefördert werden soll. Es ist hinlänglich bekannt, dass jene mit höherer technischer Kompetenz, und besserer Ausrüstung sich im Netz der größeren Narrenfreiheit erfreuen (nona...). Sollte den weniger potenten NetzbenutzerInnen im Fall von Schwierigkeiten nun ein Verein...

    • überdenkerin, vor 247 Tagen, 3 Stunden, 53 Minuten

      ...beistehen wollen (und sei es auch nur in ermahnender Funktion), so muss doch auf jeden Fall dessen Integrität gewährleistet sein und betroffene NutzerInnen sich bei der Konsultation dieser Einrichtung nicht noch mehr Scherereien einhandelen...es sei bitte unbenommen, dass es vielleicht auch durchaus so ist, aber dieser ORF-Beitrag trägt sicherlich nicht dazu bei, dass man sich auch nur irgendein Bild von den Tatsachen machen kann...

  • Freie Meinungsäußerung

    monsterjaeger, vor 247 Tagen, 4 Stunden, 30 Minuten

    Ist das nun ein Ethikrat oder wird das ein Zensurrat? #fragwürdig
    gruß vom monsterjaeger

  • wichtigmacher!

    damienduff, vor 247 Tagen, 5 Stunden, 5 Minuten

  • Internet-Rat für ...

    rtrteam007, vor 247 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten

    Ich vertrete auch niemanden, bin auch demokratisch nicht legitimiert und gründe hiermit (bis zuletzt auch geheim) den Internet-Rat gegen kaputte Laptop-Batterien.

    Bekomme ich auch einen Artikel in der Fuzo?

    • Meine Stimme

      0stoney0, vor 247 Tagen, 4 Stunden, 13 Minuten

      hast du.

  • was?

    skalarundperlsindsuper, vor 247 Tagen, 7 Stunden, 22 Minuten

    suchen die noch Leut? Kann ma sich da noch bewerben. Wenn die mehr zahlen, geh ich dort hin.

    • muriem, vor 247 Tagen, 7 Stunden, 15 Minuten

      du bist echt nicht fähig die artikel zu lesen, zu denen du deinen Senf abgibst; oder?

      "Unsere Tätigkeit beruht auf ehrenamtlichem Einsatz"

    • dermitdemohrlaeppchennuesseknackt, vor 247 Tagen, 7 Stunden, 7 Minuten

      ...und wenn Du zwischen den Zeile lesen könntest dann würde da folgendes stehen:
      Wir Grünetten gschafteln halt hier auch ein wenig rum, den sonst nimmt uns eh keiner mehr wahr.