Standort: futurezone.ORF.at / Meldung: "Iran: Kommunikationsnetze fest im Griff"

Screenshot einer Iranischen Nachrichtensendung mit der Nachrichtensprecherin im Bild

Iran: Kommunikationsnetze fest im Griff

ANALYSE
29.06.2009|06:00

Die Teheraner Führung hat bereits seit einer Woche alle Kommunikationsnetze nahezu vollständig wieder unter Kontrolle. Die Freigabe von SMS war eine Falle, Twitter benutzte man zur Desinformation. Eine der wenigen verbliebenen Quellen ist das staatliche englischsprachige Press TV.

"Neda wurde in der Teheraner Innenstadt mit einer kleinkalibrigen Waffe erschossen", wie sie bei der Polizei nicht in Verwendung sei, sagte die Sprecherin des staatlichen iranischen Nachrichtensenders Press TV am Sonntagnachmittag.

Dann wurden zwei Augenzeugen aufgeboten, deren einer als jener Autofahrer vorgestellt wurde, der die Sterbende ins Krankenhaus gefahren habe. Die andere Person war nach Angaben des Senders Musiklehrer und Begleitperson der Getöteten.

Screenshot einer Nachrichtensendung aus dem Iran, mit einem Augenzeugen im Bild

Beide Zeugen sagten aus, dass weder Bassidsch-Milizen noch Polizei, sondern insgesamt nur "20 bis 30 Personen" auf der Straße gewesen seien und nur ein einziger Schuss gefallen sei. Fazit des Senders: Da hätten "dubiose Umstände" geherrscht.

Wichtigste Meldung in den Nachrichten war am Sonntag zu jeder vollen Stunde das geistliche Oberhaupt des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, der dem Westen Einmischung in die inneren Angelegenheiten vorwarf.

Screenshot einer iranischen Nachrichtensendung, Nachrichtensprecherin im Bild

Schlechte Verlierer

Dann kamen die drei unterlegenen Kandidaten zu Wort, die allesamt die Neuauszählung von nur zehn Prozent der Stimmen ablehnten und so irgendwie als schlechte Verlierer herüberkamen.

Normalität in Teheran, also nach Tagen der Kommunikationsfreiheit über Twitter und Proxy-Server, die rund um die Welt User aus dem Iran zur Verfügung gestellt wurden, um Website-Sperren zu umgehen?

Mitnichten. Alles spricht dafür, dass die Situation auf allen möglichen Kommunikationskanälen stets unter Kontrolle des Regimes war.

Ein Land wird umgeroutet

Ab Samstag, dem 13. Juni, kam es nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses zu immer mehr Störungen und Ausfällen, am frühen Abend Ortszeit verschwanden auf einen Schlag 180 iranische Subnetze aus den internationalen Routing-Tables, den "Straßenkarten" des Internets.

Wenig später waren diese Netze wieder zurück, doch anderswo angebunden. Sämtlicher Internet-Verkehr, der in beide Richtungen bis dahin über die Glasfaserkabel von FLAG, Singapore Telecom, PCCW, Telia und Telecom Italia geflossen war, ging jetzt über die Leitungen von Türk Telecom.

Von dort wurde über die internationalen Carrier Level 3, Global Crossing und Telia Sonera weitergeroutet. Das bedeutet, binnen Tagesfrist war die Anbindung des Iran an das Internet radikal umgestellt.

Politik an der Firewall

Ausgewählte Services wie HTTP, FTP und E-Mail wurden wieder eingeschaltet, andere blieben gesperrt: Verschlüsselte Verbindungen via HTTPS und SSH sind bis heute fast vollständig unmöglich. In den folgenden beiden Tagen ging man dann auf alle möglichen Arten gegen unerwünschte Kommunikation vor.

Das betraf beileibe nicht nur zunehmende Sperren ausländischer Websites und das Blockieren von Proxy-Servern, über die versucht wurde, die Blockaden zu umgehen. Betroffen waren alle Verbindungen. Während der Demonstrationen am 15. und 16. Juni, die mit Toten endeten, wurden Handys und Digicams auf den Straßen beschlagnahmt, dann wurde das Handynetz zeitweise abgedreht und SMS gesperrt.

TV-Jamming

Nach ORF.at vorliegenden Nachrichten aus Teheran wurden Demonstranten systematisch auf Handys angerufen und gewarnt, sich künftig von Demonstrationen fernzuhalten.

Bassidsch-Trupps gingen von Haus zu Haus und beschlagnahmten Satellitenschüsseln. Weiters wurde Satelliten-TV wenigstens in den Großstädten gestört: Mit starken Sendern wurden über die Dächer Störnebel gestrahlt.

Auf Twitter gewannen bereits in der ersten Woche nach der Wahl die Postings von Regierungsseite langsam die Oberhand. Wenn zu einer Demonstration aufgerufen wurde, meldeten sich prompt andere User, die mitteilten, die Demonstration sei abgesagt. Und: Es sei sehr gefährlich hinzugehen.

Fallen, Proxys, SMS

Das ging so Zug um Zug auf allen Ebenen, bis Staatsoberhaupt Chamenei eine Woche nach der Wahl (Freitag, 19. Juni) nun selbst vor Blutvergießen warnte. Da war die Zahl der Protestierenden bereits sehr übersichtlich geworden, und plötzlich war SMS wieder möglich.

Ebenso, wie manche Proxys irgendwo auf der Welt nicht an der Firewall geblockt wurden, um der Regierungsseite die Verfolgung der Opposition zu erleichtern, erwies sich SMS als Falle. Auch hier hatte das Regime längst vorgesorgt.

Erst in der zweiten Hälfte 2008 waren von Nokia Siemens Networks - nach eigenen Angaben - Monitoring-Center in den Iran geliefert worden. Zu deren Grundfunktionen gehört etwa, SMS-Verkehr mitzuschneiden und ihn mit Anschlussnummer (IMSI) von Absender und Adressat sowie Geolocation in einer Datenbank zu speichern.

Ausgezwitschert

Das iranische Regime kontrollierte die Handykommunikation der Bevölkerung schon vor der Wahl mit denselben Systemen zur Mobilfunküberwachung, die in Europa zur Strafverfolgung eingesetzt werden. Die von Nokia Siemens Networks gelieferten Systeme tracken und analysieren alles, was telefoniert oder SMS schickt.

Im Griff

Sobald eine gewisse Mindestzahl an derlei Verkehrs- und Geodaten im System vorhanden sind, lassen sich kommunizierende Gruppen automatisch identifizieren. Ebenso schnell können die Leute dann durch die Funkzellen verfolgt und einzeln von den Straßen gefischt werden.

Nach zehn Tagen hatte das Regime die elektronische Kommunikation also mehr oder minder vollständig im Griff. Das Gros der internationalen TV-Korrespondenten musste abreisen, die verbliebenen Journalisten sind in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt.

Die Umroutung, warum

Für den einleitenden Zug, die internationale Anbindung des Iran so radikal umzurouten, gibt es zwei Deutungen, die einander freilich nicht ausschließen.

Zum einen sind so umfassende und zeitdynamisch gestaffelte Filtermaßnahmen wohl am schnellsten umzusetzen, wenn sie nur an einem physischen Ort im Netz stattfinden müssen: wenn sozusagen eine Firewall den Datenstrom des ganzen Landes kontrolliert.

Zum anderen waren Ende Jänner 2008 die beiden wichtigsten Glasfaserleitungen im Mittelmeer zur Versorgung von Ägypten und Nahost zeitgleich ausgefallen.

Ein dritter Kabelbruch vor Dubai folgte zwei Tage später, der alles rund um den Persischen Golf abschnitt. Der größte Teil des Datenverkehrs, aber auch der Telefonie in der gesamten Region musste danach wochenlang über die USA geroutet werden.

Derlei Kalamitäten sollten offenbar vermieden werden.

Live aus Teheran

Am Sonntagabend zeigte sich der iranische Geheimdienstchef live auf Press-TV. Er sagte, die iranischen Geheimdienste seien schon Monate vor der Wahl über die Umsturzversuche informiert gewesen, hinter denen "Zionisten" steckten.

Screenshot einer iranischen Nachrichtensendung, im Bild der Iranische Geheimdienst-Chef

Ständig eingeblendet war die Kernaussage: "Feinde bestürzt über stabilen und sicheren Iran".

Da hatte Press TV, dessen Moderatoren gewähltes britisches Idiom sprechen und aller Übertreibung strikt abhold sind, eine Sendung des Inlandsdienstes IRIB übernommen, und zwar live. In der englischen Simultanübersetzung hörte sich das dann doch alles ziemlich anders an.

(futurezone/Erich Möchel)

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  • Made in Germany

    solala, vor 224 Tagen, 15 Stunden, 40 Minuten

    Qualität aus Erfahrung!

  • Zum Glück hab ich noch mein ...

    steganosaurus, vor 225 Tagen, 5 Stunden, 45 Minuten

    ...altes kommerzielles Kurzwellengerät am Dachboden.Mit 100W SSB und Richtantenne und digitaler Verschlüsselung mit Frequenzhopping komme ich jederzeit rund um die Welt ..., und das ohne ein unnötiges Sniffing/Blocking von Government oder sonst wen ...

    • ;))

      tantejutta, vor 225 Tagen, 3 Stunden, 52 Minuten

  • Mit einem Satz:

    werbinich, vor 225 Tagen, 6 Stunden,

    Das wären paradiesische Zustände für den ORF!
    Geduld meine ORF´lerInnen, viel fehlt ja eh nicht mehr ...

    • gh0stindamachine, vor 225 Tagen, 5 Stunden, 40 Minuten

      Du meinst, weil im ORF intelligente und verantwortungsbewusste Menschen arbeiten, die in ihrer journalistischen Arbeit Kellernazis wie Strache, Mölzer und Komplizen enttarnen? Fühlst dich unverstanden, hm? Onkel Doktor hilft!

  • Aber wir haben ja alle...

    oberklugscheisser, vor 225 Tagen, 7 Stunden, 2 Minuten

    ... nichts zu verbergen, nicht wahr? Die Demonstranten im Iran wollen auch nur Demokratie, Gewaltentrennung und mehr Freiheit, alles legitime Gedanken. Also haben sie nichts zu verbergen... und sitzen jetzt in iranischen Foltergefängnissen oder werden gar hingerichtet. Weil die (Gross-)Ayatollahs um ihre Macht fürchten, und weil ein T*******t und M****r Präsident ist. Den Inhalt unter den Sternen darf sich jeder selbst ausdenken...

  • ah Türk Telekom

    sdf3, vor 225 Tagen, 7 Stunden, 43 Minuten

    praktisch, die haben schon langjährige Erfahrung mit Sperren und Zensür.

    • Ist das nicht ein wichtiges NATO-Mitglied?

      chrilly, vor 225 Tagen, 7 Stunden, 18 Minuten

      Und warum helfen die nun dem Iran?

    • Pipelines verbinden-...

      tantejutta, vor 225 Tagen, 3 Stunden, 51 Minuten

  • Sind ja ganz schön modern die Mullahs

    chrilly, vor 225 Tagen, 9 Stunden,

    Wenn das wirklich so stimmt wie es dasteht sind die Mullahs ja ganz schön auf Zack. Nix finsteres Mittelalter, sondern auf "westlichen" Standard.
    Wobei ich aber so meine Zweifel am fachlichen Inhalt habe. Z.B. SSH. Was hat das mit dem Routing-Netz zu tun? Wie kann man SSH sperren? Das ist doch auf beiden Seiten eine Software Verschlüssung. Die einzige Möglichkeit ist, man sperrt alles ,was man nicht plain-Text lesen kann. Aber SSH sperren?

    • Was für ein Weltbild!

      pepperbird, vor 225 Tagen, 8 Stunden, 20 Minuten

      "Nix finsteres Mittelalter, sondern auf "westlichen" Standard." Finsteres Mittelalter ist höchstens dein Deutsch, mein Freund.

      Falls es dir entgangen sein sollte: die "Mullahs" basteln angeblich an einer A-Bombe. Wäre natürlich möglich, dass die so ausschaut wie Diktator Husseins Massenvernichtungswaffen, aber übers Mittelalter diskutieren wir schon lange nimmer!

    • @chrilly: Port 22 an der Firewall sperren

      tantejutta, vor 225 Tagen, 8 Stunden, 2 Minuten

      und finito.

    • @pepperbird

      chrilly, vor 225 Tagen, 7 Stunden, 55 Minuten

      Mein Deutschlehrer hat mich mit den Worten "Er will einen talentierten Mathematiker nicht den Weg versperren" durchgelassen. Meine Frau hat die weitere Erziehung übernommen. Aber es fällt auf sehr unfruchtbarem Boden.

    • @tantejutta

      chrilly, vor 225 Tagen, 7 Stunden, 50 Minuten

      Bitte um genauere Erklärung. Wie hängt der Firewall mit einer Umstruktierung des nationalen Netzwerkes zusammen.
      Eine triviale Methode um etwas zu Verschlüssel es in ein Zip-File zu packen. Wobei man dann natürlich wieder verdächtig ist, dass man verschlüsselt zip't.

    • @Was für ein Weltbild

      chrilly, vor 225 Tagen, 7 Stunden, 23 Minuten

      Ich arbeite seit Jahren für ein Mitglied der Königl. Familie in Abu-Dhabi. Kenn mich daher in der Islamischen Welt ganz gut aus.
      Vielleicht lags wirklich an meinem Deutsch, vielleicht aber auch am Weltbild von pepperbird, wenn er die Ironie in meiner Mail nicht erkannt hat.
      Es wird uns u.A. vom ORF seit Jahren erklärt die wie Mullahs den Iran herunterwirtschaften und in den Ruin führen. Und auf einmal sind sie dann ziemlich auf Zack. Das macht einen ziemlich organisierten Eindruck. Keine Ahnung, ob das die Unsrigen Obrigkeiten auch so "gut" könnten.

  • ENDLICH!!!!

    zumthema, vor 225 Tagen, 10 Stunden, 12 Minuten

    kriegen wir gezeigt, wozu all die modhörnähn ghomunigadtionssdruggdurren WIRKLICH da sind!

    Georgie schau owa

  • Eine Mission

    larsson, vor 225 Tagen, 11 Stunden, 8 Minuten

    Das wäre mal ein Auftrag für alle Hacker und Cracker und Virenprogrammierer und sonstige Freaks... den Menschen im Iran zu ihrem Recht verhelfen. Legt das Regime die Menschen lahm, sollte das Regime auch lahm gelegt werden ....
    Hoffentlich erreicht diese Meldung die richtigen Leute :-)

    • Missionare?

      chrilly, vor 225 Tagen, 8 Stunden, 55 Minuten

      Mir sind Missionare ganz allgemein suspekt. Die Geschichte ist voll voller missionarischen Verbrechen. Da hat die Welt einen Missionar weiter (G.Bush) und schon ertönt der Ruf nach weiterer Missionierung.

  • Danke

    kyrah, vor 225 Tagen, 11 Stunden, 28 Minuten

    Endlich ein Bericht, der die Situation im Iran ernst nimmt.

    Wer helfen will: ein HTTP-Proxy ist schnell aufgesetzt :) Bitte hier eintragen - http://proxyheap.austinheap.com/phase1.php

    Auch Tor-Relays und -Bridges sind wichtig, siehe z.B. http://bit.ly/KgURz für mehr Informationen.

  • Von den Amis gelernt!

    4spoetter, vor 225 Tagen, 11 Stunden, 35 Minuten

    Tja, ist schon eine blöde Sach', wenn die Mullahs von den Amis und den EU-ropäern schnell gelernt haben, auch das Internet bzw. den SMS-Verkehr zu überwachen. Dabei brauchten sie dazu erst gar nicht die Hilfe der Israelis, die das in Nahost für die Amis mit besorgen.
    So ähnlich läuft es doch auch mit dem Schwindel mit der Kinderpornografie! Weil gegen ein Vorgehen dagegen mit öffentlichem Applaus aller möglichen "SchützerInnen" gerechnet werden kann, wird das voran getrieben. Um im "richtigen Moment" halt, weil's ja da ist, für eine totale politische und Meinungsüberwachung genutzt zu werden.
    Die Chinesen führen das ja zu gespielten "Empörung" der westlichen Tugendwächter in den Regierungen von den stumpfsinnigen Merkel bis zum hilflosen Strücheklopfer Obama vor...