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Laufender Mann im Regen

Die totale Verimmerung

WEIHNACHTEN 2009
24.12.2009|06:00

Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Früher hat der Große den Kleinen gefressen, dann fraß der Schnelle den Langsamen. Nun wird das Manchmal vom Immer verschluckt. Eine Weihnachtsgeschichte von Peter Glaser.

Es war Anfang der 1980er Jahre. Ich dachte, Computer machten immer alles sofort. Ich schrieb ein kleines Programm für meinen ersten eigenen Computer, das eine jener damals beliebten 3-D-Funktionen darstellen konnte, die aussehen wie Sombreros. Ich dachte erst, das Programm habe einen Fehler. Nach ein paar Minuten sah ich, dass die Maschine ab und zu einen Punkt entlang der ersten Bildschirmzeile zeichnete. Ich ging eine Pizza essen. Als ich zurückkam, war meine Grafik gerade mal einen Finger hoch. Ich war davon ausgegangen, dass die Zauberformel für Mikrochips Dummheit mal Geschwindigkeit laute. Ein Computer kann ja nicht einmal bis zwei zählen (null und eins), das aber in einem unglaublichen Tempo. Und nun diese Enttäuschung. Der Traum hieß also: Echtzeit.

Bis dahin heißt es warten. Interessanterweise raubt uns etwas, das nicht schnell genug geht, ebenso unsere Zeit wie das modernere Phänomen, nämlich wenn zu vieles zu schnell geht. Alltag im 21. Jahrhundert bedeutet, dass sich immer mehr Hauptsachen in Nebensachen verwandeln. Früher kam einmal am Tag die Post und abends um acht in den Nachrichten das Neueste aus der Welt. Heute kommt der Briefträger ständig. Mit E-Mail, SMS, dem Facebook-Status und Twitter ist es fast wie im Krieg - man kann jederzeit unter Beschuss geraten. Und ständig öffnen sich neue Kommunikationskanäle.

Weihnachtsserie '09: "Keine Zeit"

Futurezone.ORF.at hat die Schriftsteller Peter Glaser, Marcus Hammerschmitt und Armin Medosch gebeten, je eine Geschichte für die Weihnachtsfeiertage 2009 zu verfassen. Das Motto lautete: "Keine Zeit". Das Redaktionsteam der Futurezone wünscht allen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest.

Das Warten reicht im Übrigen vom launigen Herumsitzen über bedingten Verweilzwang (Friseur, Behörde) bis hin zur Haft. Warten heißt die Zeit, in der wir fühlen, wie gleichermaßen banal und bedeutend das ist, was wir Freiheit nennen. Es gibt ein Süd-Nord-Gefälle. Warten in seiner mitteleuropäischen Form ist die dunkle Seite des Müßiggangs. Je weiter nach Süden man kommt, desto mehr wandelt es sich in Lebensqualität. Jener Süden, in dem das Warten auch als eine Lust an der Zeit empfunden wird, reicht hoch bis an die Alpen. Die österreichische Kaffeehauskultur etwa verlangt ihren Teilnehmern eine herzenstiefe Bereitschaft zur Zeitnachlässigkeit ab.

Seymour Cray galt als Beethoven unter den Computerkonstrukteuren. Um sich von den Anstrengungen bei der Komposition seiner Supercomputer zu entspannen, stieg er in den Keller seines Hauses in Chippewa Falls und trieb mit der Spitzhacke einen mannshohen Tunnel durch die Erde voran. Durch den sorgsam mit Holz verschalten Stollen, durch den er sich über Jahre auf einen nahen Wald zugrub, kamen, so erzählte er, die Elfen zu ihm: "Wenn sie merken, dass ich aus meinem Arbeitszimmer gehe, kommen sie und lösen alle Probleme, die ich zurückgelassen habe." Die Verdrahtung der Cray-Supercomputer wurde von Hand gezogen, um keinen Zentimeter zu verschenken, der wertvolle Nanosekunden an Datenlaufzeit kosten konnte.

Am 5. Oktober 1996 starb Seymour Cray 71-jährig, ein fremder Wagen war in seinen Jeep gerast. Auf der Homepage der Firma Cray Research wurde der Tod des Firmengründers vermeldet - darunter war unabsichtlich ein Werbebanner mit einem Slogan der Firma Silicon Graphics geschaltet: "We'll take Your breath away".

Frau vor Betonwand

Den rasanten Schaltgeschwindigkeiten der Computer steht das Programmieren als eine extreme Form von Zeitlupe gegenüber. Wochenlang tüfteln die Coder, indem sie dessen geplante Geschehensweise Sekundenbruchteil für Sekundenbruchteil beschreiben, an einem Ereignis, das sich schließlich innerhalb eines Augenblicks abspielen wird: der Programmlauf. Neulich habe ich einen meiner programmierenden Freunde auf dem Flughafen getroffen. Er hatte ein Wirtschaftsmagazin zu einem steifen Hochglanzknüppel gerollt und schlug damit, während wir uns unterhielten, unentwegt auf eine verchromte Querstange. Er schlug die Zeit tot.

Sein Urerlebnis war der Übergang vom Dreirad zum Tretroller gewesen. Die damit verbundene Zunahme an Aktionsradius hatte ihm ein Gefühl von Freiheit beschert, das er seither immer wieder zu erleben sucht. Das Tempo ließ sich via Mofa, Auto und Flugzeug weiter forcieren. Sein Geschwindigkeits-Eldorado fand er, wie viele von uns, schließlich im Computer. Wer mit einem Computer arbeitet, will alles, und zwar sofort. Die digitale Maschine erzeugt eine aufreizende, neue Art von Ungeduld. Wenn eine Website länger als fünf Sekunden braucht, um auf dem Bildschirm zu erscheinen, hat sie verloren.

Sämtliche Medien, allen voran das Netz, sind inzwischen auf ein Ziel ausgerichtet: Permanenz. Online gibt es keinen Ladenschluss mehr, keine Sperrstunde, kein Programmende. Der digitale Medienfluss verwandelt sich in eine Umweltbedingung - etwas, das überall und immer da ist - und etwas, das uns an immer mehr Stellen einlädt, auffordert, verlockt, ihm unsere Zeit zu widmen. Früher öffnete sich einmal pro Abend das Nachrichtenfenster in die Welt. Heute fließen die Ströme an Meldungen, Unterhaltung, Information unausgesetzt. Sonderbare Dinge wie "Testbild" und "Sendeschluss" kennen junge Medienkonsumenten nicht mehr. Zum Inbegriff der Permanenz ist das Netz geworden. Ständig geht es vor sich, aktualisiert sich, vibriert vor Mitteilsamkeit. Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Früher hat der Große den Kleinen gefressen, dann fraß der Schnelle den Langsamen. Nun wird das Manchmal vom Immer verschluckt.

Menschen im Restaurant

Was vor ein paar Jahren nur als Parodie denkbar war, nämlich statt fernzusehen Internet zu schauen, ist inzwischen vollkommen normal. Und die wahre Gefahr für ihre Filme haben die Hüter Hollywoods noch gar nicht erkannt: Es sind nicht illegale Kopien, sondern die Superkürze, die Filme im Netz haben - allgemeiner gesagt: die Erscheinungsformen der neuen Mikrokultur, die sich mit der digitalen Welt ausbreitet. Abendfüllend war gestern, heute ist YouTube. Wer kennt nicht das Gefühl, nachdem er im Kino gewesen ist, dass der Trailer, den man sich zuvor angesehen hatte, eigentlich schon der ganze Film gewesen ist? Nun wird der Trailer zum Hauptfilm. Keine Zeit für's alte Kino, zu viel Neues wartet.

Abends im Hotelbett dachte ich wieder an meinen Freund vom Flughafen. Ich weiß, dass er Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hat, weil er zu ungeduldig ist, sich durch den Halbschlaf einsinken zu lassen in die Welt der Träume. Er sucht eine Art Lichtschalter in seinem Inneren, mit dem er das Tagesbewusstsein, klack, auslöschen kann und, zoing, schlafen. Ich sage: Alter, du musst dich entspannen. Er schluckt Schlafmittel. Das ist die europäische Art zu meditieren, sagt er. Morgens nach dem Aufwachen wusste ich wieder einmal fünf Minuten lang nicht, in welcher Stadt ich bin. Auf dem Weg zum Flughafen sah ich meinen Freund, der in einem gemieteten Sportcoupe an meinem Taxi vorbeiraste, keine Zeit. Wenig später traf ich ihn im Flughafenrestaurant wieder. Seine Maschine hatte eineinhalb Stunden Verspätung. Wir aßen Carpaccio und saßen schweigend, wie Freunde das manchmal tun. Ich schaute aus dem Fenster. Die Zeit verging, als wäre nichts. Was sollte sie auch tun?

(Peter Glaser)

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Forum

 
  • Getroffen!

    thehop, vor 87 Tagen, 10 Stunden, 9 Minuten

    ... mitten ins altmodische Herz. ;-/

  • Also ich...

    arkon12, vor 87 Tagen, 11 Stunden, 25 Minuten

    ... finde die kleine Geschichte sehr gut. "Er schlug mit dem zusammengerollten Wirtschaftsmagazin die Zeit tot", also wenn das nicht gut ist, dann weiß ich auch nicht!
    Gratuliere!

  • solala, vor 87 Tagen, 15 Stunden, 53 Minuten

    Man fängt damit nichts an, ich versteh den Sinn der Storry nicht, es gibt eben Dinge die Sinnlos sind, ist eben wie mit Kunstwerken und im Grunde ist alles Sinnlos, genau überdacht...

    Mir fehlt viel, aber eines ganz betimmt, nicht mehr die Zeit zu finden zu sterben, den Vorwurf machte ich nicht jemanden aus der Online Welt sondern jemandedem der auf der Bühne steht, von 5:00 morgen bis 01:00 Nachts angespannt wie ein Stahlfeder lebt...

  • Herr Glaser.

    format, vor 87 Tagen, 17 Stunden, 20 Minuten

    Ich mag Ihren Schreibstil, aber inhaltlich tue ich mir sehr schwer. Nicht nur bei dieser Geschichte. Ich fange damit NICHTS an. NULL. Tut mir leid. Aber das mag an mir, nicht an Ihnen liegen und muss nicht gegen Sie sprechen. Ich bin ein sehr strukturiert denkender Mensch, auf Logik, Efizienz und Sinn ausgerichtet. Es gibt ja auch bekannte Autoren, hochgelobt, geradezu geadelt, die verdienen viel Geld damit, viel zu schreiben und nichts zu sagen. Also dürfte da eine nicht so kleine Nachfrage bestehen.

    • smartengine, vor 87 Tagen, 16 Stunden, 31 Minuten

      Ich verstehe den Sinn hinter der Story ganz Gut muss ich sagen.
      Es Spiegelt Dinge wieder, über die ich selbst schon so manches mal nachgedacht habe. Wo bleibt die Zeit heute? Man hat keine Zeit mehr, die Zeit an sich, die Ruhe des Stillstandes für einen Augenblick zu genießen, da ständig alles sich ändert.

      Früher, vor 20 Jahren, hab ich mich einfach mal auf eine Bank im Park gesetzt und die Sonne genossen. Wenn man das heute macht klingelt schon wieder das Telefon wenn man es sich gerade bequem gemacht hat. Man ist ständig erreichbar. Der Fluss der Hektik reisst einen unmittelbar immer wieder mit sich.

      Und wenn man das Handy einfach zuhause lässt, erzeugt das schon ein Gefühl, man verpasse was.

      Früher war dem nicht so. Man setzte sich hin und wusste, auch in 30 Minuten steht noch alles so da wie es vor den 30 Minuten war.

      Daher versteh besonders diesen Teil sehr gut: "Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand."

      Man konnte sich darauf verlassen dass der Zustand jener blieb, der er noch vor 30 Minuten war. Das geht heute nicht mehr.

      Selbst...

    • smartengine, vor 87 Tagen, 16 Stunden, 29 Minuten

      ...wenn man sich das Leben, die Zeit, immer "strukturiert" so wird diese Konstrukt im Laufe der Zeit auch zusammenbrechen, da alles Rasanter wird und gewisse Eckpunkte einer Struktur sich immer wieder verändern, seien sie gerade auch "stabil".
      Und in diesem Augenblick nützt einem die beste Struktur nichts mehr.

    • @smartengine

      format, vor 87 Tagen, 12 Stunden, 26 Minuten

      Ehrlich gesagt bin ich damit nicht ganz einverstanden. Es gab nie einen "Zustand". Alleine der Fakor Zeit sorgt schon dafür, das nichts, aber auch gar nichts, statisch ist. Es ist nur so, dass alles beschleunigt abläuft.

    • Seh ich anders.

      tomtiger, vor 87 Tagen, 2 Stunden, 45 Minuten

      Früher sagte man "Wenns wichtig ist, ruft er nochmal an".

      Heute ist jeder und alles wichtig, auch wenn er nicht nochmal anruft.

      Das Witzige ist, dass immer noch Leute entsetzt sind, weil ich mal ein paar Stunden nicht das Telefon abhebe, und mich auch noch erdreiste *nicht* zu lügen, z.B. ich wäre auf einer Konferenz und musste das Telefon ..., sondern erkläre, ich wäre mit dem Hund im Wald spazieren gewesen und da wolle ich nicht gestört werden. ;)

      Und die meisten bekommen gar nicht mit, dass *sie* stören. ;)

    • aasgeier, vor 86 Tagen, 12 Stunden, 17 Minuten

      Arme Menschheit. Bei mir ist gerade die zweite Prepaid-Simkarte unbenutzt verfallen; die nächste aktiviere ich erst garnicht - vielleicht hält sie dann ja länger.

      Der Anfang der Geschichte könnte von mir sein, nur das es ein C64 war und ich 10 DM für das damals 1988 bereits antiquarische Programmierbuch zahlte.
      Aber Geduld hatte ich offenbar damals schon, sonst hätte ich den ersten nach 10 Minuten erscheinenden Grafikpunkt ja nie gesehen.
      Den fertigen Kreis (gefühlte) 3 Stunden später gleich zweimal nicht.
      Über Evolution muss ich aber immer noch grübeln. Ewigkeiten.