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Schere schneidet Internet-Kabel durch

Die Rückkehr der Internet-Abdreher

EU-PARLAMENT
26.04.2010|06:00

Was im EU-Telekompaket nicht durchging, steht am Mittwoch im Rahmen der "Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte" wieder auf dem Plan des EU-Parlaments: Provider sollen ihre Kunden überwachen müssen und Abmahnungen zustellen. Verfasserin des neuen Vorstoßes ist die französische EU-Abgeordnete und Sarkozy-Parteigängerin Marielle Gallo (EPP).

Am Mittwoch steht im Justizausschuss (JURI) der Bericht "Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte im gemeinsamen Markt" zur Debatte an. Er geht auf eine Aufforderung der EU-Kommission zurück, die das Gemeinschaftsrecht in Sachen geistiges Eigentum auf den neuesten Stand bringen möchte.

Verfasserin ist Marielle Gallo (PPE; Konservative), eine Parteifreundin von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy (UMP). Das sagt schon ziemlich viel über diesen Bericht, denn praktisch jeder Bericht mit irgendeinem Bezug zum Internet - letztes Beispiel war das Telekompaket -, der von französischen Konservativen oder britischen Sozialdemokraten verfasst worden war, kam mit denselben Ingredienzien.

Dazu gehören die Überwachungspflicht für Provider für die Inhalte in ihren Netzen, mit "Graduated Response" - also einer Folge von Mahnbriefen. In Frankreich und bald auch in England ist die Konsequenz dann "Three Strikes Out", also die monatelange Trennung ganzer Haushalte vom Internet auf Zuruf der Medienindustrie samt dem Verbot, in dieser Zeit einen anderen Internet-Zugang zu nehmen.
Eben dieses, äußerst umstrittene Modell liegt - ohne die dass die Konsequenzen, nämlich Internetabschaltungen genannt werden - dem Gallo-Bericht zugrunde.

Ein weiterer alter Bekannter im ewig gleichen Repertoire der Internet-Abdreher ist die Überwachungsbehörde nach französischem Vorbild, die erst Warnungen gegen mutmaßliche Rechteverletzer aussprechen und dann Netzabschaltungen verfügen soll.

Tauschbörsen, organisierte Kriminelle

All das steht nun auch - wenn auch zum Teil verklausuliert oder - im Gallo-Bericht, der als Grundlage für eine Richtlinie dienen soll, die strafrechtliche Maßnahmen gegen Urheberrechtsverletzungen regelt. Die zivilrechtlichen Vorgehensmöglichkeiten wurden - nach sehr kontroversen Diskussionen - bereits 2004 in der als IPRED1 bekanntgewordenen Richtlinie verschärft. Das Problem für die Unterhaltungsindustrie dabei ist aber damals wie heute dasselbe.

Da der unlizenzierte Download von Musikdateien zur privaten Nutzung - anders als das geldwerte In-Umlauf-Bringen von unlizenzierten DVDs bzw. von Produktfälschungen - quer durch Europa eben keine schwere Straftat darstellt, sondern als Ordnungswidrigkeit unter Zivilrecht fällt, wird von den Lobbys der Medienindustrie seit Jahren nichts unversucht gelassen, um Tauschbörsen irgendwie mit organisierter Kriminalität zusammenzubringen.

So auch im Gallo-Bericht, in dem von "bewiesenen Verbindungen zwischen organisierter Kriminalität und Urheberrechtsverletzungen, insbesonders Produktfälschung und Produktpiraterie", die Rede ist. Mit Tauschbörsennutzern hat das zwar gar nichts zu tun, doch bloße Logik hat die Lobby der Unterhaltungsindustrie noch nie angefochten.

Filesharer und Produktfälscher

Analog zu den europaweiten TV-Kampagnen, die 2006 unter dem ebenso martialischen wie sachlich falschen Slogan "Raubkopierer sind Verbrecher" liefen, sollen Tauschbörsennutzer Produktfälschern gleichgesetzt werden.

Der auf Druck der Europaparlamentarier von der EU-Kommission in der vergangenen Woche offengelegte Zwischenstand des bis dahin geheim ausgehandelten Anti-Piraterie-Abkommens ACTA zeigt schwer übersehbare Parallelen. Hier wie dort wird ein internationale Überwachungsagentur eingefordert, auch die Überwachungspflicht für Internet-Provider soll mit dem Abkommen verpflichtend werden, und natürlich harmonieren auch beide Dokumente mit den neuen Internet-Sperrgesetzen, die in Frankreich und jüngst auch in Großbritannien verabschiedet wurden. Im Berichtsentwurf steht daher auch, dass die EU die ACTA-Verhandlungen weiter vorantreiben solle.

Wirtschaft gegen ACTA

Sowohl der Providerverband EuroISPA wie auch die internationale Computer and Communications Industry Association (CCIA), der unter anderem auch Größen wie Microsoft, T-Mobile, Oracle, Google und Yahoo angehören, übten scharfe Kritik an ACTA. ACTA sei kein Handelsabkommen, sondern ein Anti-Handelsabkommen, das Märkte für US-Unternehmen schließe, "die hinterhältigsten Teile" der US-Copyright-Gesetze würden exportiert, Konsumentenschutz werde zur bloßen Option herabgewürdigt.

Zahlreiche Änderungsvorschläge

"Wir haben ja versucht, Frau Gallo das auszureden. Sie macht aber nicht den Eindruck, als hätte sie es zur Kenntnis genommen", so die grüne EU-Abgeordnete Eva Lichtenberger im Gespräch mit ORF.at. Die Zahl der Änderungsvorschläge zum Gallo-Bericht spricht Bände: 122 Stellungnahmen wurden abgegeben, von denen die überwiegende Mehrzahl genau jene Passagen betrifft, die das oben ausgeführte "Three Strikes Out"-Szenario erst möglich machen. Das EU-Parlament hat vergleichbare Vorstöße schon in der Vergangenheit mehrmals abgelehnt.

Der Text dürfte also mit einiger Wahrscheinlichkeit am Mittwoch deutlich entschärft werden, das ist gewissermaßen der erste Waschgang. Danach ist der Gallo-Bericht mit den ergänzenden Stellungnahmen des Innen- sowie Industrieausschusses (IMCO bzw. ITRE) zu akkordieren. Erst dann wird das Vorhaben im Plenum in erster Lesung behandelt.

Der Rechtsausschuss ist in Sachen "geistiges Eigentum" zwar federführend, aber auch der Innen- und Industrieausschuss haben dabei mitzureden. Der österreichische Abgeordnete Paul Rübig (EVP) hat für den Industrieausschuss eine Meinung zum Thema verfasst, die er am Mittwoch vortragen wird.

Links:

Die für den Mittwoch zusätzlich geplante Abstimmung wurde angesichts der Unzahl von Änderungsvorschlägen verschoben.

Anders als seine Fraktionskollegin Gallo konzentriert sich Rübigs Stellungnahme ganz auf die echte Produktpiraterie, von gefälschten Arzneimitteln angefangen bis zum Maschinenbau. Zu Rübigs Bericht gibt es lediglich 31 Änderungsvorschläge, die allesamt wenig vom bestehenden Text abweichen.

(futurezone/Erich Moechel)

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Forum

 
  • Furchtbar die EU

    0stoney0, vor 127 Tagen, 7 Stunden, 55 Minuten

    Wir schlittern in einem von der Content Industrie kontrollierten Überwachungsstaat.

    Und selbst bei 100% Kontrolle geht es mit der Branche weiter bergab.

    Warum?

    Weil sich seit Einführung von CD, DVD usw. an den Preisen nichts geändert hat.

    Tja.. rundherum hat sich alles verändert. Die Content Industrie ist nicht mitgezogen, sondern sah den schuldigen im Internet - böse Filesharer.

    Da es der Branche trotz Massenklagen uvm. nicht besser geht sollte diese vielleicht eine andere Richtung einschlagen - zB: auf Kundenwünsche hören.

    Musikflatrate mit Internetanschlus zB. wäre ein Anfang. Kein Kopierschutz der massive Probleme beim sogar legal abspielen verursacht.
    uvm.

  • geistiges Eigentum = Stillstand

    mindmachine, vor 128 Tagen, 9 Stunden, 3 Minuten

    Innovation sieht anders aus...

  • die sollten eines eigentlich verstanden haben

    mben, vor 128 Tagen, 17 Stunden, 5 Minuten

    das internet lebt. es lässt sich nicht abschalten und es lässt sich auch nicht (jedenfalls vollkommen) kontrollieren oder beschränken. Gibt es eine Hürde entwickelt sich das Netz weiter um diese Hürde zu überwinden.

  • tepsirulez, vor 128 Tagen, 22 Stunden, 3 Minuten

    Frau Gallo - gut geschmiert oder einfach nur http://www.imdb.com/title/tt0109686/
    ?

  • rayoflight, vor 129 Tagen, 5 Stunden, 7 Minuten

    der sarkozy will seine über überwachungspolitik also über die grenzen von frankreich hinaus zementieren. ein hoch auf die eu!

    • Und wenn es dann doch nicht klappt

      ldir, vor 129 Tagen, 4 Stunden, 52 Minuten

      wozu hat Frankreich denn sonst Atomwaffen?

  • Die Mitgliedsländer

    nicke, vor 129 Tagen, 5 Stunden, 54 Minuten

    der EU gehören bald zu den Schwellenländern.

  • Die Rückkehr der Internet-Abdreher

    winslow, vor 129 Tagen, 6 Stunden, 46 Minuten

    Abgesehen davon, dass 'Geistiges Eigentum' nicht möglich ist (So ein Schwachsinn kann nur auf dem Mist einer US-amerikanischen Rechtsanwaltskanzlei wachsen), gibt es in Europa schon wieder mehr Faschisten, als der Demokratie zuträglich ist.
    Leider sitzen diese Narren nicht hinter Gittern, sondern in den Parlamenten.

    • hintergrundbeleuchtung, vor 129 Tagen, 6 Stunden, 39 Minuten

      Das Geld fließt um die Welt und alle schwimmen mit :)

    • FALSCH!

      monsterschreck, vor 129 Tagen, 29 Minuten

      es sind eben nicht die faschisten, es sind in diesem fall einfach von der medienindustrie gekaufte demokraten!!!!!!!

      money rulez! und welcher politiker lässt sich nicht gerne mit geld weichkochen.

      gang ganz leise höre ich am horizont ein donnern aufkommen, wenn dieses grollen laut wahrnehmbar, brennt die EU. sie arbeiten immer mehr auf ein reinigendes gewitter hin.

  • Internetsperren und Vorratsdatenspeicherung...

    eudiktator, vor 129 Tagen, 7 Stunden, 4 Minuten

    ...werden schon in wenigen Jahren dafür sorgen, dass das Internet in der EU mindestens genauso stark zensiert wird wie in China. Da in der EU aber gewählte Politiker diese Maßnahmen einführen, liegen diese wohl auch im Interesse der Wähler - und damit der Internetnutzer - selbst. Sonst hätte es schon lange echte Proteste dagegen gegeben. In Zukunft wird man über das Internet eben nur mehr Informationen bekommen, die feinsäuberlich handverlesen wurden. Mit dem Schutz von Urheberrechten und dem Kampf gegen Terrorismus wird das nicht viel zu tun haben. Das sind reine Verkaufsargumente damit die Wähler und Konsumenten dem völligen Entzug der Privatsphäre zustimmen. Nutzt die Freiheiten im Internet in den nächsten Wochen und Monaten noch ausgiebig denn bereits kurzfristig wird es diese schlichtweg nicht mehr geben.

  • Blutdiamanten

    nibal, vor 129 Tagen, 7 Stunden, 13 Minuten

    Ich bin dafür, dass Bestechungsgelder an Politiker künftig zweckgebunden werden. Mit dem Geld das unter dem Begriff Lobbying in Form von Parteispenden den Besitzer wechselt, könnte man den griechischen Staatshaushalt korrigieren. Oder Elektrotankstellen in ganz Österreich aufstellen. Oder in jedem Dorf in Afrika einen Brunnen bohren.

    Oder aber die MI könnte das Geld behalten und damit statt dessen einen eigenen Webshop aufbauen. Weltumspannend, abseits ihrer ansonsten dämmlichen länderspezifischen Vertriebe und Regelungen. Jeder Song 50 cent in belibigen Formaten. Dazu Abomodelle und Chartflatrates. Charts für jedes Land und auch für bestimmte Gruppen (Alter, Richtung, vielleicht Freundeskreis mit Facebook Verknüpfung...). Videos, jeder Song frei streambar und Vertrieb von Fanware. Dazu eine Datenbank über die jeweiligen Künstler, Lebensläufe und eine Kommunikationsplattform zwischen eben diesen und deren Fans.

    Der Rubel würde nur so rollen, aber statt dessen verkaufen sie lieber weiterhin "Tonträger" und streiten mit jedem der ihre Arbeit macht um jeden Cent und jedes Land, verklagen Kinder, Großmütter und Faxgeräte auf Millionen. Antipathie dein Name sei MI.

    • eventar, vor 129 Tagen, 2 Stunden, 4 Minuten

      /signed

      Vorallem interessantes dazu, es wurde durch studien bewiesen, dass Medienkonzerne durch die sogennante piraterie Mehreinnahmen haben, anstadt verluste. Viele Leute wollen sich vorher ein Bild machen bevor sie etwas kaufen und wenn es den erwartungen entspricht, kauft man es, wenn nicht, verwendet man es eh meist nicht mehr weiter und sucht sich was anderes.

  • Das weltweite Patentrecht gehört geändert.

    bazino, vor 129 Tagen, 7 Stunden, 42 Minuten

    Nur noch Produkte die noch nicht in Produktion sind, sollten geschützt werden dürfen, diese dafür aber endlos. Somit schützt man den kleinen Erfinder davor, dass die großen Konzerne sich weigern das Produkt zu erzeugen und es nach Ablauf des Patentschutzes dann auf eigenen Namen produzieren.

    Sobald etwas in Produktion geht, ist es noch genau 1 Jahr lang geschützt, ab dann darf jeder das selbe oder ein verbessertes Teil produzieren. 1 Jahr lang ist ausreichend Zeit um sich einen ganz entscheidenden strategischen Vorteil zu erwirtschaften. Danach sollte der so viel gepriesene (und NIRGENDS wirklich vorhandene) FREIE Markt übernehmen.

    Patente auf IDEEN ("Ich verkaufe mein Handy gleich mit 3 MP3s drauf", etc.) sollten überhaupt verboten werden. Genauso wie Patente auf den menschlichen Körper bzw. dessen Gen-Codierung! (Nach diversen amerikanischen Patenten sind 100% der Menschheit eigentlich Patentbrecher, weil irgendeinem Konzern das Patent auf irgendein DNA-Teil gehört!!! Allein zu leben verstößt daher gegen amerikanische Patente!!!)

    Die Entwicklungsgeschwindigkeit der Menschheit würde sich verhundertfachen.