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"Die Angst vor dem Unbekannten"

04.09.2008|06:00

Joichi Ito, Entrepreneur und Creative-Commons-Geschäftsführer, hat das Symposium der diesjährigen Ars Electronica, "A New Cultural Economy", kuratiert. ORF.at befragte Ito zur Kultur des Teilens, ihrer Bedrohung durch die traditionelle Medienindustrie und den Grundlagen einer neuen kulturellen Ökonomie.

"A New Cultural Economy" lautet der Titel der diesjährigen Ars Electronica. Beim Festivalsymposium, das am Freitag und Samstag im Linzer Brucknerhaus stattfindet, loten Ökonomen, Wissenschaftler und Künstler die Grenzen des geistigen Eigentums im Zeitalter digitaler Medien aus und erörtern Visionen und Modelle einer neuer kulturellen Ökonomie.

Kuratiert wurde das Symposium von "Joi" Ito, der auch Geschäftsführer der Urheberrechtsinitiative Creative Commons ist, die sich für einen offenen Zugang zu Informationen und kulturellen Gütern einsetzt.

Es sei wichtig, die wirtschaftlichen Aspekte der durch Computer und Internet entstandenen neuen Kultur des Teilens und der Zusammenarbeit zu untersuchen, denn nur so könnten politische und rechtliche Problemstellungen gelöst werden, meint Ito im E-Mail-Interview mit ORF.at.

Dass die traditionelle Medienindustrie auf eine Verschärfung von Urheberrechtsgesetzen drängt und den Schutz geistigen Eigentums forciert, sei auch die Angst vor dem Unbekannten, so Ito: "Wir bemühen uns um eine Zusammenarbeit und versuchen, hybride Modelle zu entwickeln."

Bild: Ars Electronica, rubra

Joichi Ito

Zur Person:

Joichi Ito ist Entrepreneur, Risikokapitalgeber und Geschäftsführer der Urheberrechtsinitiative Creative Commons.

Er hat zahlreiche Internet-Unternehmen, darunter Flickr, Technorati, Twitter, last.fm und Six Apart, beraten oder in sie investiert. Ito sitzt auch im Direktorium zahlreicher Non-Profit-Organisationen, darunter die Mozilla Foundation, Global Voices und die Menschenrechtsgruppe WITNESS.

ORF.at: Warum brauchen wir eine neue kulturelle Ökonomie?

Joicho Ito: Das Internet und andere Entwicklungen in der Computer- und Kommunikationstechnologie haben eine neue Art der Kultur ermöglicht, an der jeder aktiv teilnehmen kann. Das beste Beispiel dafür ist die Wikipedia. Die Möglichkeiten, die uns das durch diese Technologien veränderte Umfeld bietet, gehen jedoch viel weiter.

Wir diskutieren dieses Potenzial seit Jahren und haben viele technische Fragen gelöst. Wir stehen jedoch auch vor politischen und rechtlichen Problemen. Um sie zu lösen, ist es wichtig, die wirtschaftlichen Faktoren der Kultur des Teilens zu untersuchen.

ORF.at: Welche Regeln könnten einer Ökonomie des Teilens zugrunde liegen?

Ito: Einer der Faktoren, die zum Erfolg des Internets geführt haben, sind offene und interoperable technische Spezifikationen. Das wird von den Leuten angenommen. Wir müssen das technische, rechtliche und gesellschaftliche Verständnis des Teilens und der Zusammenarbeit entwickeln. Eine Grundlage dafür bietet Creative Commons.

ORF.at: Wie könnten neue Formen des geistigen Eigentums aussehen?

Ito: Copyright und geistiges Eigentum müssen sich weiterentwickeln, aber es braucht Zeit, bis die rechtlichen Grundlagen dafür geschaffen sind.

Während Regierungen die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen müssen, arbeiten Freie-Software-, Open-Source- und Creative-Commons-Communitys daran, Lösungen zu entwickeln, die unter den bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen genutzt werden können.

Wir müssen die Transaktionskosten für die kulturelle Teilnahme senken. Inhalte sollen ohne zeitaufwendige Prüfung geteilt und genutzt werden können. Dazu müssen wir Standards schaffen. Damit können maschinell lesbare Lizenzen angeboten und urheberrechtsbewusste Tools ermöglicht werden.

Auch wenn derzeit viel über geistiges Eigentum von Individuen und Unternehmen gesprochen wird, gewinnt geistiges Eigentum, das sich im gemeinschaftlichen Besitz befindet, zunehmend an Bedeutung. Der Schutz dieser Art des geistigen Eigentums wird sowohl wirtschaftlich als auch kulturell immer wichtiger.

ORF.at: Lobbyisten der Medienindustrie verteidigen die traditionellen Geschäftsmodelle sehr vehement und rufen nach strengeren Urheberrechtsgesetzen und einem besseren Schutz geistigen Eigentums. Ist die Kultur des Teilens dadurch gefährdet?

Ito: Ich glaube, sie ist durch einige sehr spezfische Forderungen bedroht, die diese Lobbyistengruppen durchsetzen wollen. Manche Gesetze machen es schwierig, Informationen und kulturelle Güter zu teilen und zu nutzen, und behindern die Entwicklung entsprechender Werkzeuge.

Wenn man in Betracht zieht, dass Copyright und geistiges Eigentum ja eigentlich Innovationen fördern sollen, dann sind einige Gesetze auch schlicht unvernünftig. Ich meine etwa unangemessen lange Schutzfristen oder Bestimmungen, die Digital Rights Management [DRM] betreffen.

Einige Aspekte traditioneller Geschäftsmodelle in der Medienindustrie sind durch die Kultur des Teilens unter Druck geraten. Vieles ist aber auch ein Missverständnis, und einiges ist sicherlich die Angst vor dem Unbekannten. Wir bemühen uns um eine Zusammenarbeit und versuchen, hybride Modelle zu entwickeln, um Fortschritte zu erzielen.

Ich möchte aber klarstellen, dass Open-Source-, Freie-Software- und Creative-Commons-Communitys nicht gegen geistiges Eigentum und Copyright-Gesetze sind. Wir verlangen nur, dass die Nutzer das Recht haben sollen zu wählen. Wir verlangen nicht, dass Copyright-Gesetze abgeschafft werden sollen. Damit gemeinschaftliches Eigentum offen sein kann, muss es auch geschützt sein.

ORF.at: Was kann die Politik tun, um neue Möglichkeiten der Produktion und des Gebrauchs von Information zu unterstützen?

Ito: Regierungen sollten alle Arten von Information und Kultur, die von ihnen gefördert werden, frei zugänglich machen.

ORF.at: Sie haben auch viele Internet-Unternehmen beraten und finanziert. Was macht ein erfolgreiches Internet-Unternehmen aus?

Ito: Teil der globalen Ökologie von Diensten zu sein, die sich untereinander verbinden, vernetzen und austauschen. David Weinberger, der auch beim Symposium sprechen wird, umschreibt das mit dem Satz: "Small pieces loosely joined" [kleine Teile, die locker miteinander verbunden sind, Anm.]. Das trifft die Sache sehr genau.

ORF.at: Sie haben im April von Lawrence Lessig die Geschäftsführung von Creative Commons übernommen. Wie geht es mit Creative Commons weiter?

Ito: Wir müssen auch Hersteller und Diensteanbieter dazu bringen, Creative Commons in ihre Angebote zu integrieren. Wir müssen mehr Werbung für Creative Commons machen und die Anpassung unserer Lizenzen an nationale rechtliche Rahmenbedingungen vorantreiben. Bisher wurden CC-Lizenzen an die nationale Rechtslage von 47 Ländern angepasst.

Vor kurzem haben wir begonnen, verstärkt mit Bildungsinitiativen und der wissenschaftlichen Community zusammenzuarbeiten - und die Initiativen ccLearn und Science Commons. Beide Projekte entwickeln sich sehr gut. Es ist sehr wichtig, dass Creative Commons auch über das Feld der Kultur hinaus wahrgenommen wird.

"A New Cultural Economy"

Bei dem von Ito kuratierten Symposium "A New Cultural Economy", das am 5. und 6. September im Rahmen der Ars Electronica im Linzer Brucknerhaus stattfindet, sind unter anderen der Ökonom Yochai Benkler ["The Wealth of Networks"], der US-Autor David Weinberger ["Cluetrain Manifesto", "Small Pieces Loosely Joined"] und der chinesische Blogging-Pionier Isaac Mao zu Gast.

Zum Thema:

[futurezone | Patrick Dax]

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Forum

 
  • internet

    xblackvenomx, vor 563 Tagen, 17 Stunden, 35 Minuten

    im grunde genommen haben wir ja alles was wir brauchen. was eignet sich besser zum austausch von informationen als das internet.

    wenn man sich überlegt das die idee des forums eigentlich schon recht alt, aber auf heutiger technologie modern umgesetzt wurde, könnte man doch meinen das da noch weitere entwicklungen drin sind.

    klar, die größenverhältnisse sind anders, aber wo gut kommuniziert wird, können auch neue und gute ideen umgesetzt werden.

    hier wird allerdings nur der anfang schwer sein, weil wir eben schon so sehr in diesem system feststecken und es mit jedem jahr schwieriger wird rauszukommen.

    hinzu kommt natürlich noch, das wir eben wegen diesem system global gesehen für große differenzen in der entwicklung gesorgt haben. diese hürde ist von sich aus gewaltig aber unüberwindbar solange es leute gibt denen es JETZT mit unserem system gut geht :-).

    der prozess wird sicherlich ewig dauern, falls es überhaupt was wird. wenn man sich ansieht was wir aus den letzten 100 jahren gelernt haben, kann ich nur schwarz sehen.. *g*

    • kl. nachtrag

      xblackvenomx, vor 563 Tagen, 17 Stunden, 31 Minuten

      ich denke angst vor unbekanntem trifft zumindest teilweise zu. alles was wir heute haben, hat sich über eine sehr lange zeit entwickelt. jetzt, wo wir merken das wir anstehen, fällt natürlich ein schritt in eine neue und unbekannte richtung schwer.

      auf der anderen seite gibt´s wie gesagt einen haufen leute die richtig davon profitieren wie es jetzt ist. die werden natürlich alles tun was drin ist um weiterzumachen..

  • Es scheitert am Gesellschaftssystem

    octogen, vor 564 Tagen, 1 Stunde, 16 Minuten

    Wie hier andere schon erwähnt haben - es ist keine Angst vor dem Unbekannten, sondern Profitgier, Angst um den eigenen Vorteil, Egoismus, "Wettbewerb" - oder anders ausgedrückt, eine Art von Krieg, eben ohne Waffen, aber mit wirtschaftlichen Mitteln.

    Man hört oft, Verzicht - wie etwa Einsparungen, Minderungen des Wohlstands, längere Arbeitszeiten usw. - sei notwendig um "wettbewerbsfähig" zu bleiben, und "das ist eben so, weil es der Markt verlangt, da kann man nichts machen".

    Natürlich ist das falsch. Der Markt wurde von Menschen so geschaffen, und wir selbst sind die Ursache dafür, dass es "eben so ist".

    Nichts Anderes ist passiert, als das wir selbst ein gesellschaftliches System geschaffen haben, das unseren eigenen Egoismus im Endeffekt gegen uns selbst wendet.

    Hätten dieses Prinzip endlich mal alle verstanden, und würden alle MITEINANDER anstatt GEGENEINANDER (im "Wettbewerb", bzw. Krieg) leben, dann gäbe es den Druck, "wettbewerbsfähig" zu sein, überhaupt nicht. In weiterer Folge wären Eigentumsrechte überflüssig.

    Allerdings reden wir in diesem Fall nicht mehr einfach von einer wirtschaftlichen oder politischen Revolution, sondern von einer charakterlichen, persönlichen Revolution eines großen Teils der Menschheit - und das ist prinzipiell zwar möglich, wird aber vielleicht sehr lange dauern, oder gar...

    • ...

      octogen, vor 564 Tagen, 1 Stunde, 16 Minuten

      nie passieren - wie auch immer, an unserem Unglück sind wir selbst schuld, wenn wir eine derartige gesellschaftliche Revolution nicht schaffen.

    • Du behandelst "uns", also die gesamte Gesellschaft,

      macindd, vor 564 Tagen, 20 Minuten

      als ein Ganzes. Das ist imho nicht richtig, denn es gibt verschiedenste Schichten, die mal mehr, mal weniger profitieren und großteils solche, die insgesamt auf der Verliererseite stehen. Vieles an Deinem Posting kann ich unterschreiben, allerdings denke ich, dass durchaus einige die Mechanismen "des Marktes" begreifen, die meisten von denen aber davon profitieren, daß es so ist wie es ist. Daher kommt die Darstellung dass es "einfach" so sei. Man hält bewusst ein System aufrecht, von dem man weiß dass es ungerecht und falsch ist, weil seine Mechanismen einem in die Hände spielen.

      Anders gesagt: Man muss nur dieses System etablieren und aufrechterhalten und dessen Mechanismen erledigen dann den Rest ganz von selbst, es bringt wenigen immensen Wohlstand, während 99% der Gesellschaft dabei verlieren. Egoismus eben.

      Die Revolution muss daher im Nachdenken über dieses System beginnen, und zwar auf breiter gesellschaftlicher Basis.

    • es gibt keine existenz

      butterweich, vor 563 Tagen, 21 Stunden, 15 Minuten

      ohne wettbewerb.allein schon wenn wer um einen geschlechtspartner buhlt befindet er sich im wettbewerb, wie sollte es also eine welt ohne wettbewerb geben??

      und die schönen und gescheiten werdens immer leichter haben, und wenn nicht so wärs doch auch nicht gerecht oder?

    • Abgesehen von Deinem zweiten Absatz, butterweich,

      macindd, vor 563 Tagen, 19 Stunden, 41 Minuten

      der einfach nur Blödsinn ist, in welchen Zusammenhang stellst Du Wettbewerb und für alle schädlichen extremen Egoismus?

      Mit Wettbewerb haben "wir" es schon versucht; Ergebnis ist die heutige Welt - Armut, Korruption und Benachteiligung wo man hinsieht. Hat nicht gut funktioniert, daher wäre es doch eine Überlegung wert, mal das Gegenteil auszuprobieren ...

    • leiwande Diskussion..

      ukwerna, vor 563 Tagen, 18 Stunden, 57 Minuten

      ...wie gibts das, dass in der futurezone 80% was im Schaedel haben, und im "normalen" orf forum das vehaeltniss genau umgekehrt scheint...?

      traurig..

  • Kein Wort zu...

    kiefertraining, vor 564 Tagen, 2 Stunden,

    "Inhalte sollen ohne zeitaufwendige Prüfung geteilt und genutzt werden können."

    Und wie steht es dann um die Qualität dieser Inhalte?

    • Sieht man doch

      rodro, vor 564 Tagen, 1 Stunde, 33 Minuten

      bei offener Software (Qualitativ oft besser als Vollpreisequivalentes Marktprodukt), Common Creative Licensed Musik (sehr viel besser als der 08/15 Radiodreck), ...

    • die qualität der "hitparade"

      butterweich, vor 563 Tagen, 21 Stunden, 7 Minuten

      hat doch ganz klar extrem abgenommen seit das internet und die tauschbörsen existieren... oder wieso werden auf sämtlichen radiosender und auf vielen parties nur mindestens 10 jahre alte lieder auf- und abgespielt?

  • "sei angst vor dem unbekannten"

    derm0nd, vor 564 Tagen, 2 Stunden, 3 Minuten

    bloedsinn. profitinteressen. sonst gar nix.

    lg mond