Standort: futurezone.ORF.at / Meldung: "Ohrfeige für "Three Strikes Out""

Ohrfeige für "Three Strikes Out"

24.09.2008|14:49

Mit der Annahme der drei Berichte zum Telekompaket hat das EU-Parlament heute drei Richtlinien novelliert. Das bedeutet mehr Daten- und Konsumentenschutz und mehr Rechte für Benutzer. Den französischen Plänen für Internet-Sperren wurde eine überraschend deutliche Abfuhr erteilt.

Das EU-Parlament verabschiedete mit großer Mehrheit drei verschiedene Berichte zum Telekompaket.

Über zwei dieser Reports hatte es ein monatelanges Hickhack gegeben, und zwar über einige wenige Punkte, die nach Ansicht vieler Parlamentarier gar nicht ins Telekompaket gehörten: Schutz von Urheberrechten und Strafverfolgung bei Verstößen dagegen im Internet.

Die Letztfassungen der bis zuletzt mehrmals abgeänderten Berichte der Abgeordneten Malcolm Harbour [Ausschuss Konsumenschutz; PPE DE] und Catherine Trautmann [Industrieausschuss; SP] gingen in allen Punkten mit großer Mehrheit durchs Parlament.

Abstimmungsergebnis zum Bericht von Malcolm Harbour [Universaldiensterichtlinie]: 548 Zustimmungen, 88 Gegenstimmen, 14 Enthaltungen.

Abstimmungsergebnis zum Bericht von Catherine Trautmann: 597 Zustimmungen, 55 Gegenstimmen, 29 Enthaltungen.

Im Diskussionsschatten

Der Abgordnete und ÖVP-Europaklubobmann Othmar Karas, der sich bereits vor Monaten gegen Internet-Sperren als Maßnahme gegen Urheberrechtsverletzungen ausgesprochen hatte, verwies darauf, dass "Internet-Dauerüberwachung durch das EU-Telekompaket nicht möglich" werde. Unter dem Strich würden die Rechte der Internet-Nutzer gestärkt.

Die verbraucherfreundlichen Inhalte des Telekompakets waren über den Diskussionen über Urheberrechtsverletzungen und Internet-Sperren vorübergehend in den Hintergrund getreten.

Schuld daran waren die mittlerweile sattsam bekannten Bestrebungen der französischen Ratspräsidentschaft und eine ganze Reihe von Anträgen, die selbst von Kollegen der Konservativen Fraktion gegenüber ORF.at unter der Hand als "extremistisch" eingestuft wurden.

In einer ersten Reaktion zum Abstimmungsergebnis zeigten sich die deutschen Bürgerrechtler von Netzpolitik.org, die gemeinsam mit der französischen Initiative La Quadrature du Net gegen "Three Strikes Out" kämpfen, vorsichtig optimistisch. "Einigen unserer Positionen und Forderungen wurde heute von einer deutlichen Mehrheit im Europaparlament zugestimmt. Das ist besser gelaufen als erwartet", heißt es im Weblog der Organisation. Man habe zwar nicht alle Positionen durchsetzen können, aber die radikalsten Vorschläge seien herausgefallen. Die Bürgerrechtler werden sich nun der Analyse der verabschiedeten Papiere widmen.

Was das Paket bringt

Zu den positiven Aspekten: Unter anderem regelt das Telekompaket ganz klar, dass der Kunde bei Abschluss des Vertrags etwa informiert werden muss, wenn der Provider bestimmte Internet-Services wie etwa Skype sperrt.

Auch die Netzneutralität wird durch das Großvorhaben - insgesamt werden drei veraltete Richtlinien zum Thema gleichzeitig runderneuert - einigermaßen festgeschrieben, fixe IP-Adressen, die einer Person zugewiesen sind, gelten als persönliche Informationen, die unter Datenschutz stehen.

Dazu kommen die ebenfalls beschlossene Einrichtung einer europäischen Regulierungsbehörde [BERT], die ebenfalls dem Konsumenten zugutekommen soll, sowie die Neuverteilung der analogen TV-Frequenzen, die im dritten Bericht abgehandelt wurde.

Kritik an "außergerichtlichen Einigungen"

Die grüne Abgeordnete Eva Lichtenberger störte, dass im Harbour-Bericht die Provider zur Kooperation in der Förderung "legaler Inhalte" verpflichtet werden.

"Was heißt das, bitte? Sollen die Provider jetzt verpflichtet werden, für die großen Musik- und Filmverlage zu werben?", sagte Lichtenberger nach der Abstimmung zu ORF.at.

Auch die Einführung von "außergerichtlichen Einigungen" sei keineswegs konsumentenfreundlich, sondern arbeite großen Unternehmen in die Hände, die zum Zweck der Einschüchterung Konsumenten erst einmal anzeigten.

Der Status quo, post

"Es bleibt Sache der Nationalstaaten zu schauen, mit welchen Maßnahmen sie gegen Urheberschutzverletzungen und Kinderpornografie kämpfen", schrieb ÖVP-Europaklubobmann Karas nach der Abstimmung an ORF.at.

Der Harbour-Report lässt den Mitgliedsstaaten dezidiert offen, welche Internet-Inhalte, -Anwendungen und -Dienste als legal bzw. illegal gewertet werden und wie mit Verstößen umgegangen wird.

A la francaise

Die geplante Regelung a la francaise, die bei dreimaligem Verstoß gegen Urheberrechte Internet-Sperren vorsieht, ist nach Verabschiedung des Harbour-Reports europaweit genauso möglich wie gar keine Sanktionierung.

Ebenso wie bei der umstrittenen Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung bedeutet die Umsetzung des Telekompakets in dieser Form, dass es eben keine einheitliche europäische Regelung gibt.

Das gilt aber nur für die Regelungen im Harbour-Bericht. Die eigentliche Überraschung steckte im Bericht von Trautmann, der ebenfalls eine Mehrheit im Parlament fand.

Koalition in letzter Minute

In den letzten 48 Stunden vor der Abstimmung war nämlich noch einmal Bewegung ins Spiel der Kräfte gekommen. Eine Gruppe von Parlamentariern rund um die französischen Sozialdemokraten Michel Rocard, Guy Bono und Trautmann hatte einen Änderungsvorschlag eingebracht und dafür in den anderen Fraktionen mobil gemacht.

Abgeordnete aus allen anderen Fraktionen, von Daniel Cohn-Bendit [Grüne, Frankreich] bis Christopher Fjellner [PPE DE, Schweden], schlossen sich dem an.

"Grundrechte der Union"

Kernaussage dieses Zusatzes ist, "dass die Rechte und Freiheiten der Endnutzer, insbesondere gemäß Artikel 11 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union zur Meinungs- und Informationsfreiheit, keinesfalls ohne vorherige Entscheidung der Justizbehörden eingeschränkt werden dürfen" [Änderungsantrag 138 zu Absatz 4].

Zunächst waren aber auch hier noch Ausnahmen vorgesehen: "es sei denn aufgrund höherer Gewalt, aufgrund der Erfordernisse zum Schutz der Integrität und Sicherheit von Netzen oder aufgrund nationaler strafrechtlicher Bestimmungen, die aus Gründen öffentlicher Belange, der öffentlichen Sicherheit oder der öffentlichen Moral erlassen wurden". Dieser Passus wurde in letzter Minute durch einen mündlichen Antrag von Catherine Trautmann aus dem Text gestrichen.

Auch bei großzügiger Interpretation dieser Bestimmungen wird die die Verfolgung von Urheberrechtsverstößen durch Tauschbörsenbenutzer ohne Einschaltung eines Richters nicht möglich sein.

Abfuhr für Sarkozy

Damit wurden der französischen Ratspräsidentschaft sowie dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy gewissermaßen Ohrfeigen angetragen.

Sarkozys Gesetzesvorhaben von Internet-Sperren für Urheberrechtsverstöße ["Loi HADOPI" alias "Three Strikes Out"] steht zu einer solchen Formulierung in Widerspruch. In Frankreich soll nämlich eine Behörde die Provider anweisen, welche Inhalte zu sperren sind und welcher Kunde vom Netz abzutrennen ist.

Im April hatte eine knappe Mehrheit der Parlamentarier das Vorhaben, Benutzern den Internet-Zugang zu sperren, mit deutlichen Worten abgelehnt.

Da es sich nur um einen Zusatz im Rahmen des "Bono-Berichts zur Lage der Kulturindustrie" handelt, war das ohne rechtliche Bindung. Österreichische EU-Parlamentarier der vier großen Fraktionen hatten sich unisono gegen die Maßnahmen der Franzosen ausgesprochen.

[futurezone | Erich Moechel]

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  • solala, vor 541 Tagen, 6 Stunden, 27 Minuten

    Die Angst, mehr als 80% der EU Bürger als Gegener zu haben, war zu groß, das die Stimmung jetzt auf Juhu ist, nimmt ohnedies niemand ab, wenigsten eines wurde erreicht, die Talfahrt wurde fürs erste Gestoppt!

    Mn wird die nächsten Entscheidungen abwarten müssen, um zu sehen, ob nur die Angst regiert, oder doch wieder mehr der Hausverstand und die Vernunft!

    Mit ACTA wird die nächste Suppe gekocht, die mindesten so heiß ist, mit der Bestiimmung, das IP Adressen zum Datenschutz gehören, ist aber auch dort der Gashan abgedreht, ob die Suppe noch fertig werden kann, mehr als Zweifehlaft mit dieser Entscheidung!

    • 80 % der EU--Bürger

      c1x111, vor 540 Tagen, 20 Stunden, 23 Minuten

      ist das Internet so was von wurscht...

      80 % der EU-Bürger geben mit Freuden ihre Daten für die Billa-Kundenkarte her, wenn sie dann am Monatsende sich ein "Gratis-Angebot" aussuchen dürfen...

    • gottqwert, vor 540 Tagen, 19 Stunden, 13 Minuten

      80% der EU Bürger davon sind max. 2% Österreicher und 2% billakunden im ausland, ... also bissl übertrieben...

    • @c1x111 - Stimme dem zu !!

      cellshade, vor 540 Tagen, 16 Stunden, 19 Minuten

      Aber wehe die 3 Bananen kosten 1,29 anstatt 1,19 wie es doch für friends of xxx sein sollte. Dann halten wir für 10cent die ganze Kassa auf :-)))

      Schön das ich immer noch gefragt werde ob ich so eine Karte haben möchte. Denn ich liebe es den Damen an der Kassa die Augen zu öffnen warum ich dem Rewe Konzern meine Einkaufsgewohnheiten nicht mitteilen lasse. Auch nicht für 10 Cent billigere Bananen.

      Aber wer weiß, vielleicht darf man in 4 Jahren gar nicht mehr ohne Kundenkarte das Geschäft betreten !

    • @cell: Du liebst es, der Dame an der Kassa die...

      vergesstwahlenkauftaktien, vor 540 Tagen, 12 Stunden, 6 Minuten

      ...Augen zu ...

      ... oeffnen?

      Der ist das (auch wenn Du in der Sache ja recht hast) bei ihrem ohnedies geringen Gehalt aber sowas von Wurst - und alle anderen hinter Dir duerfen sich ob Deiner Verzoegerung, pardon, meinte charismatisch-rhetorischen Auftritts erfreuen.

    • @@c1x111

      agenius, vor 540 Tagen, 11 Stunden, 14 Minuten

      so schlimm sind wir doch gar nicht.....

      Die Daten zu vernetzen wäre sicher möglich aber verboten und für personalisierte Werbung ist die Zeit noch nicht reif.

      Es ist ja schon lange so das bei manchen Feiertagen der Sekt billiger wird aber der Orangensaft und das Red Bull teurer.

      Übrigens Deine Einkaufsgewohnheiten und Bewegungsprofil kann man auch durch die Bankomat- Kreditkartenzahlungen erstellen.

  • Habe ich einen Putsch in der EU verpasst ?

    goldstein, vor 541 Tagen, 9 Stunden, 15 Minuten

    Nach unzähligen Überwachungsgesetzen, die selbst George Orwell nich für möglich gehalten hätte, endlich mal wieder gute Nachrichten.

    Datenschutz ist Bürgerschutz

    • EU

      kommunale50, vor 541 Tagen, 7 Stunden, 19 Minuten

      Traust du denen in Brüssel übern Weg?? Nein, ich glaube ihnen kein Wort. Die haben mir den Glauben an die Gerechtigkeit genommen und das schmerzt.

    • Das Vertrauen ist eine zarte Pflanze. Ist es zerstört, so...

      goldstein, vor 541 Tagen, 6 Stunden, 17 Minuten

      ...kommt es sobald nicht wieder.

      @kommunale50
      Ich traue keinem Politiker in Brüssel.
      Sind ja alle "lupenreine Demokraten".
      Aber wenn man jeden Tag neue Hiobsbotschaften über Überwachung und Demokratieabbau erfährt, ist es halt amüsant zu lesen, dass die Content-Industrie nich jedes Gesetz durchdrücken kann.

    • "die in Brüssel"

      tauceti, vor 541 Tagen, 4 Stunden, 22 Minuten

      Das sind leider genau diejenigen, die wir nach Brüssel schicken.
      Manchmal arbeiten die gegen Österreich - manchmal für Österreich... (und ich beziehe mich nur mal auf Österreicher in Brüssel)...

      Wir sollten also ganz genau aufpassen, wen wir nächstes mal nach Brüssel schicken. Denn so wie man früher vielleicht dachte, dass man Leute nach Brüssel "wegloben" könnte, damit sie nichts mehr anstellen können, so spielt's das nicht mehr.

  • Fehlt noch ein Anrecht auf eine dynamische IP

    kleeklee, vor 541 Tagen, 9 Stunden, 25 Minuten

    Derzeit gibt es Bestrebungen nach Umstellung der Netze von IP4 auf IP6, jedem Internetzugang und sogar jedem einzelnen Terminal, eine fixe unveränderliche IP zu verpassen.

    Das heute zugesicherte Recht auf IP Datenschutz wäre bei unveränderlichen IP6 Adressen äußerst theoretisch, denn jeder Profiler im Netz ermittelt aus einem Surf-Verhalten in wenigen Stunden spielend die dahinter stehende Nutzer Identität. Ist eine Identität geknackt entsteht mit den verorteten IP Nummern sogar ein schwunghafter lukrativer Handel.

    Daher nur eine europaweit dynamische Providerunabhängige IP ist einem Europagedanken würdig.

    • Alptraum fixe IP6

      kleeklee, vor 541 Tagen, 9 Stunden, 18 Minuten

      http://futurezone.orf.at/hardcore/stories/275913/

    • Naaaajaaaa...

      kinogänger, vor 541 Tagen, 8 Stunden, 45 Minuten

      Solange nicht die Kundendaten zur IP in irgendeiner Whois-Datenbank abfragbar sind (zB RIPE.net) sehe ich eher weniger Probleme das Rückschlüsse auf die tatsächliche Person möglich sind.

      Gefährlich und bedenklich wird's ja erst wenn man problemlos herausfinden kann dass hinter der IP-Adresse 80.345.123.23 Max Musterman, Musterstraße 123 in 12345 Sowieo steckt.

      Ob Google jetzt meine Suchanfragen usw. jetzt eienr dynamischen oder fixen IP zuweißt ist schon g'hupft wie g'hatscht.

      IMHO natürlich.

    • @kinogänger

      kleeklee, vor 541 Tagen, 7 Stunden, 2 Minuten

      Eine IP gibt bereits heute mehr über dich preis als eigentlich vertretbar ist. Google Aps mag ja ein Übel sein, Google schließt dich mal identifiziert aber nicht von Angeboten aus. Deine IP higegen ermöglicht bereits jetzt ein unmittelbares zuweisen von geographischen "Sonderangeboten", so kannst du bereits jetzt auf keine Deutschen GMX Produkt mehr zugreifen, ARTE +7 wirft dich mittels deiner Länder IP als Österreicher entlarvt sofort raus. Und und und,

      "das Dorf"

      wird kleiner und du merkst es gar nicht.

      Eine Europäische Lösung ist daher, jedem seine Dynamische IP6 auf Europa-Ebene, oder als Notbehelf einstweilen ein Tunnel welcher in den IP Kreis jenes Landes führt, wo du auf Länderspezifische Inhalte zugreifen kannst.

    • Der Tunnel zu Multikulturellen Inhalten ohne IP Länder Barriere

      kleeklee, vor 541 Tagen, 7 Stunden,

      www.torproject.org

    • Beispiel einer IP Länderbarriere,

      kleeklee, vor 540 Tagen, 15 Stunden, 5 Minuten

      Zattoo [Nutzung aus Österreich noch nicht möglich]

      http://futurezone.orf.at/it/stories/310004

  • das war klar

    gaho, vor 541 Tagen, 9 Stunden, 27 Minuten

    das ganze basiert auf lobbying.

    lobbying der rechteverwertungsindustrie gegen das lobbying der restlichen industrie.

    wenns ums geld geht hört sich der spass mit den überwachungs und internetsperr hirngespinsten schell auf.

    interessant welches lobbying sich durchsetzt zumal die eu ja wirtschaftsinteressen vertritt :)

  • made my day!

    dafritz, vor 541 Tagen, 9 Stunden, 49 Minuten

    ein schritt in die richtige richtung, weitere sollen bitte folgen.

  • Freut micht zu hören!

    lemmykilmister, vor 541 Tagen, 9 Stunden, 56 Minuten

    Manchmal funktioniert das System ja doch so halbwegs.

  • naja

    fenris79, vor 541 Tagen, 11 Stunden, 41 Minuten

    jetzt kommt ja noch ACTA, mal schauen wie es da weitergeht.

  • hammer

    blizz5, vor 541 Tagen, 11 Stunden, 59 Minuten

    weiter so!
    :)

  • sehr gut!

    damienduff, vor 541 Tagen, 12 Stunden,

    freut mich!